2.10.06

Antwort auf "Glaube als geheiligter Verstand"

Meiner Ansicht nach ist Spurgeon hier etwas zu logisch, zu rational. Glaube beinhaltet sicher weit mehr als Verstand (und darüber war sich Spurgeon natürlich klar). Glaube besteht aus mehreren Komponenten. Zum einen aus Wissen (notitia, vgl. Römer 10,14), weiterhin aus Glauben (assensus, Lasst euch überzeugen!) und Vertrauen (fiducia, Mt 11,18 ). Der Gegenstand des Glaubens (Wort Gottes, Dreieiner Gott) ist mit diesen Komponenten zu ergreifen, würde ich sagen – wobei Glaube per se immer ein Geschenk Gottes bleibt (Eph 2,8). Um die Diskussion etwas auszuweiten möchte ich gerne Karl Barth ins Spiel bringen. Barth versteht unter Glauben: einen Gemeinschaftsaspekt und einen Wissensaspekt. Ich zitiere (leider besitze ich nur engl.sprachige Ausgabe):
  • „Christian faith ist he gift of the meeting in which men become free to hear the word of grace which God has spoken in Jesus Christ in such a way that, in spite of all that contradicts it, they may once for all, exclusively and entirely, hold to His promise and guidance.” (Karl Barth, Dogmatics in Outline, 7).
  • “Christian faith is the illumination of the reason in which me become free to live in the truth of Jesus Christ and thereby to become sure also of the meaning of their own existence and of the ground and goal of all that happens.” (Karl Barth, Dogmatics in Outline, 14).

2 Kommentare:

David hat gesagt…

Möglicherweise: Glaube als Vervollkommnung des Verstandes

Ich glaube auch nicht, daß Spurgeon den Glauben auf die verstandesmäßige Komponente reduzieren wollte - vielmehr wird hier ein Aspekt herausgehoben, der die Bewährung des Glaubens im praktischen Leben betrifft.

Man muß vielleicht erläuternd hinzufügen, daß dieses von mir in die Diskussion gebrachte Zitat einer Spurgeon-Andacht zu Hebräer 11, 23 entstammt: "Durch den Glauben wurde Mose nach seiner Geburt drei Monate von seinen Eltern verborgen, weil sie sahen, daß das Kind schön war; und sie fürchteten das Gebot des Königs nicht." Der Satz vom Glauben als geheiligtem Verstand bringt also auf den Punkt, daß diese lebensgefährliche Aktion, Mose zu verstecken (lebensgefährlich eben nicht nur für Mose, sondern dessen ganze Familie) trotz des hohen Risikos kein Akt verantwortungslosen Abenteurertums war, sondern ein verstandesmäßig durchkalkuliertes Glaubenswagnis - der Verstand kommt also genau dort maximal zum Zuge (bis hin zur "Gerissenheit", vgl. das Schilfkörbchen und die Pharaonentocher, gewissermaßen eine Vertreterin der "Welt" als Werkzeug im Heilsplan Gottes), wo im Glauben alles aufs Spiel gesetzt wird. John Piper würde daraus wohl das Fazit ziehen: Es kann eine Maßnahme größter Vernunft sein, ein maximales Risiko einzugehen - "Lieber das Leben verlieren als es vergeuden".

Der Kontext, in den das Mose-Beispiel gestellt wird, führt mich zum nächsten Gedanken: Über dem Eingangsportal zur 'Hall of Fame' der Glaubenshelden steht eben Hebräer 11, 1 - ein Vers, der sich ebenso ins Zentrum der Überlegungen stellen ließe wie das Spurgeon-Zitat.
Glaube als feste Zuversicht auf das, was man hofft, und als Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht (wenn man nach Luther geht): Auch hier ist doch die Betonung auf dem Verstandesaspekt unverkennbar. William MacDonald will in seiner Kommentierung zu diesem Vers darin keine Definition des Glaubens sehen, vielmehr nur eine Beschreibung dessen, was der Glaube für uns tut. Dem kommt vielleicht auch die Elberfelder Übersetzung näher:
"Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht."

Trotzdem die Frage: Ist die Sichtweise des Glaubens als "Verstandesangelegenheit" nicht diejenige, die in der Kirchengeschichte bei weitem überwiegt? Ich denke da nur an Anselm von Canterburys Credo ut intellegam und seine Wirkungsgeschichte (man korrigiere mich, wo ich irre), die ja auch ihr Gutes hatte, etwa indem sie diesen verstandesmäßigen Ansatz später gegen den unbedingten Rationalismus der Aufklärung setzen konnte und sagen konnte: Dem Glauben erschließen sich Welten, die dem Verstand verborgen bleiben.
Aber der Glaube als Herzensangelegenheit (wie etwa Pascal: Das Herz hat Wege, von denen der Verstand nichts weiß") ist vor dem 20. Jahrhundert doch eher eine Ausnahmeerscheinung, oder irre ich mich? Kann es sein, daß wir noch immer daran arbeiten müssen, in Glaubensdingen Herz und Verstand zu versöhnen und jedem dem ihm gebührenden Platz zu geben? Was aber tun wir dann mit Salomos Aufforderung "Vertraue auf den Herrn von ganzem Herzen (=Glaube!) und verlaß Dich nicht auf Deinen Verstand"?

Karl Barths "illumination of the reason" scheint es mir noch besser zu treffen als Spurgeon: Mit diesem "become free to live the truth of Jesus Christ" ist sicher auch Johannes 8, 32 angesprochen.
Auf den Gemeinschaftsaspekt im Karl Barths Glaubensverständnis können wir vielleicht in den nächsten Beiträgen noch zu sprechen kommen.
Mir erscheint bisher noch klärungs- und vertiefungsbedürftig: die Drei-Elemente-Lehre des Glaubens. Notitia ist klar. Aber wo machen wir assensus fest? Assensus als Zustimmung, Beifall, Für-wahr-Halten hätte ich bisher eher in der profanen Begriffsbedeutung von Glauben angesiedelt. Fiducia leuchtet auch ein, aber wird das wirklich durch Matthäus 11, 18 belegt?

Michael hat gesagt…

Glaube als Verstandesangelegenheit ist vor allem im sog. „Sandemanianism“ zu finden. Glaube wird dort alleinig im Sinne einer intellektuellen Anerkennung der Doktrin beschrieben. Dies ist klar häretisch, denn Satan und Konsorten haben einen verstandesgemäß perfekten Glauben (Jak 2,19), dennoch sind sie weit weg vom wahren Glauben und somit der Errettung. Dies macht deutlich: Glaube ist eine Herzensangelegenheit. Im Glauben erkennen wir nicht nur die Wahrheit des Evangeliums an sondern sagen auch: Ist Christus nicht schön, ist Christus nicht herrlich? Das kann nur wahrer Glaube bezeugen.