21.5.07

David II/1: Eintritt in den Dienst Sauls

Die Wege von David und Saul kreuzen sich relativ bald; vor der berühmten David-und-Goliath-Geschichte in 1Sam17 erzählt das Buch im zweiten Teil des 16. Kapitels, wie David in den Dienst Sauls kam. Und das ist eine sehr bemerkenswerte Geschichte:

Auslöser ist eine Bessenheit, psychische Störung, vielleicht auch: schwere Depression Sauls als Folge seines Ungehorsams und seiner Verwerfung (Kap.15). Vers 14 beschreibt das so: Der Geist Gottes weicht von Saul, und ein böser Geist vom Herrn ängstigt ihn. Eine schwierige Stelle: Kann wirklich von Gott ein böser Geist kommen? Oder ist damit einfach nur gesagt, daß Saul nach dem Weichen des Geistes Gottes finsteren Mächten schutzlos preisgegeben war? Die tragische Saul-Geschichte hat jedenfalls einen über die Maßen prägenden Einfluß auf Davids Biographie.

David öffnet dieser Umstand den Weg in den Königspalast. Doch wie zieht er da ein? Als der Gesalbte des Herrn, mit Pauken und Trompeten und einem großen Hofstaat? Das wäre nicht unangemessen gewesen - denn David durfte sich nach dem vorangegangenen Ereignis nicht nur zu Höherem berufen fühlen; er war es auch. Doch nein, David kommt nicht als König, er kommt als Hofmusikant! Seine Aufgabe ist zunächst Harfe spielen - sonst nichts. Gottes Berufung geht hier große Umwege, und David geht sie in beispielhafter Demut. Sehen wir darin nicht einen Wegweiser auf den 'Sohn Davids', den König des Himmels und der Erde, der sich aller Herrlichkeit entäußerte (Phil 2,7) und als ein Diener in die Welt kam?

Ein weiterer bemerkenswerter Umstand wird uns mitgeteilt: Davids Harfenspiel hat Macht über böse Geister (V. 23). Geht es dabei nur um profane Musiktherapie? Wohl kaum. Denn im königlichen Rat wird neben dem Offensichtlichen eine entscheidende Eigenschaft Davids herausgehoben: Der Herr ist mit ihm (V. 18). Das war offenbar allgemein bekannt, seit der Geist des Herrn mit der Salbung über David gekommen war (V. 13). Die Gegenwart der Kraft Gottes vertreibt die Finsternis! Wie häufig zeichnen sich heute Diener Gottes durch die offensichtliche Gegenwart seiner Kraft aus?

Von zentraler Bedeutung scheint mir in diesem Abschnitt zu sein: Demut und Mut zum Umweg. Bereitschaft, um der Berufung willen das Dienen zu lernen, Dienst sogar an den Verlorenen (V. 1), die diese dienende Liebe auf Dauer nicht kalt läßt, wie auch Saul nicht gleichgültig blieb (V. 21). Aber noch etwas ist von Bedeutung: Gott gebraucht praktische Begabungen und Ausbildungen. Saul suchte keinen Seelsorger, sondern einen Harfisten. So sind sehr praktische Berufe oft das Vehikel für die Erfüllung einer geistlichen Berufung. Die einen sind Musiker, die anderen Psychologen, andere Bauern, andere Krankenpfleger. Gebraucht werden sie in Gottes Reich alle.

16.5.07

David I: Wie alles begann

Gehen wir nochmal ganz an den Anfang der "Karriere" des Königs David zurück. Womit beginnt die Geschichte?

In 1 Sam 16 lesen wir nicht: David nahm sich in seinem Herzen vor, König von Israel zu werden, oder: Israel aber stürzte Saul in einem Mißtrauensvotum und wählte David als Nachfolger.
Der Ursprung der David-Geschichte ist ein Auftrag Gottes an den Propheten Samuel, einen noch nicht einmal näher bezeichneten Sohn Isais zum König zu salben. Eine politisch überaus heikle Mission, ein Akt des Hochverrats, der für Samuel mit Lebensgefahr verbunden ist (1Sam16,2). Der Auftrag ist noch aus einem anderen Grund eine Zumutung an Samuel: Sein Herz hing an Saul, ihn hatte er im Auftrag Gottes zum ersten König Israels gesalbt (1Sam10,1). Mit der Salbung eines Gegenkönigs wurde sein geistliches Lebenswerk scheinbar hinfällig.

Daß Samuel seinen Schmerz und seine Angst überwindet, macht den Weg frei für den Plan Gottes. Mit einem klar definierten Auftrag und in völliger Abhängigkeit von den Weisungen des Herrn (1Sam16,3) begibt sich Samuel zur Familie Isais, ausgerüstet mit der Mahnung, in dem ganzen Geschehen die Perspektive Gottes einzunehmen, der das Herz ansieht (1Sam16,7).

Das Opferfest bei Isai wird aber in den Augen der Zuschauer zu einer peinlichen Situation: Einen Hoffnungsträger nach dem anderen läßt Samuel vorbeidefilieren und lehnt dankend ab (v.10). Was tut der Prophet da? Ist er noch ganz bei Trost? Zu allem Überfluß wird auch noch der Jüngste, der Schafhirte, herbeizitiert.

Was alle Umstehenden nur schwer begreifen können, ist, daß Samuel nicht nach eigenem Gutdünken auswählt, sondern auf die Stimme Gottes zu hören hat. Und er erwählt sich für große Aufgaben Werkzeuge, die in den Augen der Welt gering sind, damit sich niemand etwas auf sich selbst einbildet, sondern Gott die Ehre zukommt (vgl. 1Kor1, 28f.) Dieser Umstand hat David geholfen, sich auch als König noch seiner Werkzeug- und Dienerfunktion für Gott und sein Volk bewußt zu sein (2Sam5,12).

Es ist auch kein Zufall, daß Samuel David "mitten unter seinen Brüdern" (1Sam16,13) zum König salbt. Das wird den Brüskierten zugemutet: zu sehen, wie der Letzte zum Ersten wird. Diener im Reich Gottes müssen und dürfen lernen, Salbung und Berufung anderer ohne Neid und mit Freude mitzuerleben. Freude, weil es nicht um den Begabten, sondern den Geber geht.
Das ganze Geschehen vollzieht sich übrigens in bemerkenswerter Schlichtheit: kein anschließendes Volksfest, kein Triumphzug des David. Samuel tut seinen Dienst und geht zurück nach Rama. Große Berufungen beginnen im Stillen und brauchen Zeit zum Reifen.

Halten wir fest: Die Sache mit David beginnt mit Gehorsamsschritten des geistlichen Vaters Samuel, der seinen Schmerz und seine Angst überwindet, um Gottes Auftrag zu erfüllen. Vor der Salbung des Mannes nach dem Herzen Gottes steht das "Rede Herr, Dein Knecht hört" des Propheten (1Sam3,10). Wie vielen Menschen sind solche Schritte geistlicher Väter schon zum Segen geworden! Wie viele sind Königskinder geworden, weil Diener Gottes das gepredigt haben, was Gott ihnen aufgegeben hat.

10.5.07

David stärkt sich in dem HERRN!

Der Vorschlag meines Blogger-Kollegen, sich mit David auseinanderzusetzen ist sowohl im allgemeinen eine hervorragende Idee als auch im besonderen, als mich mein Bibelleseplan http://www.navpress.com/Magazines/DiscipleshipJournal/OriginalBibleReadingPlan/ gerade dorthin führt...

Ich möchte heute Bezug nehmen auf die von David R. beschriebene Phase III in Davids Leben: Flüchtlingszeit.

In 1. Samuel erfahren wir von folgenden Begebenheiten: David musste vor König Saul fliehen, der ihn verfolgte. Mit 600 Kämpfern zog sich David in das Land der feindlichen Philister zurück (1 Sam 27,1-2). Dort war er sicher vor Saul, da sich dieses Land außerhalb Sauls Territorium befand (1 Sam 27,4). Der Philisterherrscher Achis wies David in der Wüste Negeb die Stadt Ziklag zu, die damals noch unter philistinischer Kontrolle stand. Ziklag wurde Davids Stützpunkt – von dort aus überfiel er benachbarte Israel-feindliche Stämme, und nicht, wie Achis annahm, Israel selbst. Schließlich versammelten sich die Philister, um vereint gegen Israel zu kämpfen. Achis beabsichtigte, dass David mit ihnen kämpfte – David und seine Männer bildeten tatsächlich kurzzeitig Achis’ Nachhut (1 Sam 29,2); doch die anderen Philisterfürsten waren dagegen – sie befürchteten, dass David Loyalität nur vortäuschen könnte, um sich dann in der Schlacht gemeinsam mit Israel gegen die Philister zu wenden (1 Sam 29,4). Es ist in der Tat mehr als fraglich, ob David wirklich gegen sein eigenes Volk gekämpft hätte. Wie auch immer, David wird nach Hause geschickt, er kommt in Ziklag an und findet seine Stadt komplett zerstört vor (1 Sam 30,1). Alle Bewohner, inklusive Davids beider Frauen, waren von den feindlichen Amalekitern (die Saul versäumt hatte auszurotten, vgl. 1 Sam 15), entführt worden. Seine eigenen Nachfolger sind darüber so erbost und wütend, dass sie David steinigen wollen (1 Sam 30,6a). Davids Situation ist mehr als brenzlig. Durch sein Versagen, das darin bestand, den Herrn nicht um Rat gefragt zu haben ob er an dem Feldzug gegen Israel teilnehmen sollte, handelte er sich die Zerstörung seiner Stadt und den Zorn seiner Kämpfer ein. David erkannte nun: Ich habe den Herrn sträflich vernachlässigt. Wie geht David nun vor? Er verfällt nicht in Depression und Verzweiflung. Nein, was macht der Mann nach dem Herzen Gottes? Wir lesen: „David aber stärkte sich in dem HERRN, seinem Gott.“ (1 Sam 30,6b). Würden wir solch ein Verhalten nicht sofort als Dreistigkeit abstempeln? Was ein frecher Kerl! David macht einen großen Fehler und anstatt sich büßend in die Asche zu setzen besitzt David stattdessen die Courage sich in Gott zu stärken. Doch vergessen wir bei einem solch voreiligen Schluss nicht folgendes: Gott ist nach wie vor Davids Gott („seinem Gott“), das weiß David. David kennt Gottes Qualitäten der Barmherzigkeit, Langmut, Geduld und Gnade. Er weiß, dass Gott ihm vergibt, wenn er zu ihm zurückkehrt und wieder ganz neu auf seine Leitung vertraut. Dies tut David in aller Konsequenz und Aufrichtigkeit. David geht zum Priester, befragt den Herrn und erhält die Zusicherung, dass er den Amalekitern erfolgreich nachjagen und seine Leute retten wird (1 Sam 30,8). In der Tat – alle Personen können unversehrt gerettet werden (1 Sam 30,18+19). Davids starkes Vertrauen in seinen großartigen, barmherzigen, gnädigen und vergebenden Gott macht sich bezahlt. Lasst uns von David lernen. Stärken wir uns in dem Herrn unserem Gott.

David: Ein Mann nach Gottes Herzen

Als neuen Impuls für unseren Blog wollen wir uns mit der Person des König David befassen und damit erstmals eine Person ins Zentrum unserer Beiträge stellen.

Ein erster Schritt dazu ist mein Versuch, dieses Vorhaben ein wenig zu strukturieren, ohne damit Vorfestlegungen treffen zu wollen - eher um mögliche Teilbereiche zu skizzieren.

Die Biographie des Königs David ist meines Wissens die mit Abstand umfangreichste in der Bibel: ein Lebensbild in 42 Kapiteln (1. Samuel 16-31; 2. Samuel 1-24; 1. Könige 1+2). Auch wenn darin viel Geschichte des Volkes Israel berichtet wird, ist die Erzählperspektive doch immer auf David ausgerichtet. In den fünf Büchern Mose ist das zum Beispiel anders, obwohl die Bücher den Namen der für die Frühgeschichte Israels vielleicht wichtigsten Person (neben den Erzvätern) tragen. Selbst wenn wir die Biographie Jesu betrachten und dabei den Umstand berücksichtigen, daß die vier Evangelisten sehr vieles parallel überliefern, stellen wir fest, daß sich die Angaben zum Leben Jesu hauptsächlich auf die Zeit seines öffentlichen Wirkens beschränken.

Die Ausführlichkeit der Biographie Davids erklärt sich meines Erachtens damit, daß er der größte und "geistlichste" König Israels ist. Seine Bedeutung beschränkt sich aber keineswegs auf den Alten Bund; vielmehr findet das göttliche Versprechen eines ewig währenden Königsthrones für David und seine Nachkommen (2Sam 7,16) in Jesus Christus seine Erfüllung, weshalb "Sohn Davids" stets als eine Art Ehrentitel des Messias gebraucht wird (vgl. etwa Mt 21,9).

David ist eine vielseitige, mitunter ambivalente Persönlichkeit: ein erfolgreicher Krieger und Feldherr, an dessen Händen viel Blut klebt (was ihn für den Tempelbau 'disqualifiziert'), aber auch ein Sänger und Poet, dessen Harfenspiel böse Geister besänftigt und dessen Psalmen eine unerschöpfliche Fundgrube des Gebets darstellen; ein Mann, der Gott von ganzem Herzen sucht und sich vom Götzendienst fernhält, aber auch in schwere Sünde fällt (2Sam 11+12), dafür aber auch tiefe Buße tut (2Sam 12; Ps 51). Über all diesen Turbulenzen steht aber von Anfang an Gottes Erwählung und Berufung und seine herrliche, einmalige Bewertung: "ein Mann nach meinem Herzen" (1Sam 13,14).
David bringt es auf eine beachtliche Amtszeit von 40 Regierungsjahren (1Kön 2,11).

Wir können im Leben des David vielleicht fünf wichtige Phasen unterscheiden:

I. Jugend und Salbung durch Samuel (1Sam16+17)
II. Im Dienst Sauls (1Sam16-19)
III. Flüchtlingszeit (1Sam22-30)
IV. Königszeit (2. Buch Samuel)
V. Lebensende (1Kön 1+2)

Es könnte lohnend sein, sich mit diesen Phasen im einzelnen auseinanderzusetzen (über Abgrenzungsfragen läßt sich selbstverständlich diskutieren), denn möglicherweise - so meine Vermutung - läßt sich in dieser Biographie ein Paradigma für geistliche Biographien überhaupt erkennen, das etwa so aussehen könnte:

I. Wiedergeburt und Berufung
II. Zeit der Anfechtung: Angriffe auf die Berufung
III. 'Talsole': vorübergehender Verlust der Vision bzw. deren Verdunkelung
IV. Zeit der Erfüllung: Leben in der Berufung
V. Das geistliche Vermächtnis

Das ist, wie gesagt, nur eine Vermutung, die es zu verifizieren (oder eben zu falsifizieren) gilt. Ich bin gespannt auf weitere Beiträge zum Thema!