28.11.06

6. Effizienz als Selbstzweck und Pragmatismus

Pragmatismus und das Streben nach Effizienz sind weitere wichtige Merkmale der Postmoderne.

Besonders wir Deutsche sind weltbekannt dafür, Effizienz zu optimieren. Der deutsche Satz, den bspw. jeder Brite kennt, stammt aus der Audi-Werbung: „Vorsprung durch Technik“ (O-Ton: „Vospung durk Teknik“). Effizienz in gesundem Maße angewandt ist gut und richtig. Doch überzogene Effizienz, bzw. Effizienz als Selbstzweck wirkt sich problematisch aus.

Überzogenes Effizienzstreben auf Seiten der Unternehmen wirkt sich nachteilig auf die Angestellten aus. Dies spiegelt sich in den „Unworten“ wieder, die jährlich von einer Kommission gewählt werden. So ist beschreibt „Outsourcing“ als Unwort des Jahres 1996 euphemistisch den Abbau von heimischen Arbeitsplätzen und deren Verlagerung (meist ins billigere Ausland). Das Individuum arbeitet nicht mehr als Angestellter, sondern nennt sich inzwischen auf „börsianisch“ „Ich-AG“ (Unwort des Jahres 2002). Der Begriff „Humankapital“ (Unwort des Jahres 2005) deutet an, dass Individuen zu ökonomischen messbaren Größen degradiert werden. Der Mensch muss sich der angestrebten Unternehmenseffizienz anpassen und unterordnen.

Die Auswirkungen auf das soziale Gefüge in unserem Land sind offensichtlich. Der Arbeitnehmer als „human resource“ wird ausgenutzt oder wegrationalisiert. Bewerber für Arbeitsplätze durchlaufen komplizierte Assessment-Center Prozeduren mit 360° Interviews; sie werden durchleuchtet, wie ein Auto vor der Endabnahme. Die wachsende Zahl von Unternehmensfusionen erschwert die Arbeit sozialer Regulatoren wie Gewerkschaft-/Betriebsrat. Mit Zunahme der Effizienz als Selbstzweck sinkt i.d.R. proportional die soziale Ethik: Arbeitsplätze werden dem angestrebten Börsenwert des Unternehmens untergeordnet – und trotz Gewinnzunahme erfolgt der „Abbau“ vieler Arbeitsplätze (siehe Siemens/Benq und Allianz in jüngster Vergangenheit). Demgegenüber entwickeln sich paradoxerweise die Vorstandsgehälter in großen Unternehmen inflationär.

Doch nicht nur in der säkularen Gesellschaft nimmt der Faktor „Effizienz“ als Selbstzweck ständig zu – auch in der Gemeinde schleicht er sich ein.

Diesbezüglich beobachtet David Wells die Entwicklung in der amerikanischen Gemeindelandschaft folgendermaßen: „The demands of efficiency, and the rational, impersonal workings of bureaucracy, are so much a part of who we have become that many of us also want our churches to have the feel of a smoothly run corporation.“ (Wells, S.23). Die Gemeinde wird zum Unternehmen, das effizient geführt werden muss.

Der „Erfolg“ einer Gemeinde wird nicht mehr am Maßstab des Wortes Gottes gemessen, sondern an Effizient, an nackten Zahlen. Deutsche evangelikale Denominationen blicken voller Neid auf die (angebliche) „Effizienz“ von amerikanischen „Megachurches“. Man kopiert emsig deren Gemeindestruktur, Strategien und Taktiken um möglichst viele „Seeker“ in die eigene Gemeinde zu schleppen (dabei wird übersehen, dass die amerikanische Kultur von der europäischen vollkommen verschieden sind; vielleicht funktionieren deshalb Megakirchen in Europa bisher nicht).

Das Problem besteht darin, dass angeblich effiziente Sucher-Gemeinden (Seeker-sensitive, how-to-churches) zwar auf geschickte Weise Menschen in die Kirche locken, aber dann oft keine Theologie als festes Fundament aufweisen. Allzu oft geht es nicht um Wahrheit, nicht um Konfrontation mit dem Wort Gottes. De facto widerspricht biblische Wahrheit radikal der Postmodernen Kultur wie wir anhand der vorigen Beiträge bereits festgestellt haben. Das Kreuz Christi erzeugt Ablehnung oder Aufstand, wenn es gepredigt wird (1 Kor 1,23). Doch zieht man diese Botschaft ab, kann man problemlos Gemeinden füllen bestehend aus netter Gemeinschaft, Hauskreisen mit Kaffee und Kuchen, Freizeitparks etc. David Wells bemerkt in diesem Zusammenhang: „It is very easy to build churches in which seekers congregate; it is very hard to build churches in which biblical faith is maturing into genuine discipleship.“ (Wells, S.119). Recht hat er. Principal Macleod erklärte uns angehenden Pastoren neulich im Unterricht: „We are not called to fill churches, we are called to preach the truth.“ (Vorlesung in Systematischer Theologie, Free Church College, Edinburgh). Das haben viele von uns verlernt. Zu leicht lässt man sich vom „Erfolg“ anderer, großer Gemeinden blenden und ist bereit theologisch-biblisch Kompromisse einzugehen des angestrebten „Erfolgs“ wegen. Wenn Pragmatismus vor Wahrheit geht, führt das unsere Gemeindelandschaft in die Oberflächlichkeit. Man braucht nur einmal einen Blick in die evangelikale Zeitschriften-Landschaft zu werfen, um die Verwässerung zu schmecken. Nach Substanz, tiefgründiger, herrlicher Wahrheit sucht man vergebens. Wells bemerkt: „This leads, for example, to books on spirituality that read like the owner’s manual for operating a machine, replete with steps, easy-to-follow directions, and practical „how-to-do-it“ formulae. In so reducing the greatness of God and of his truth to formulae and rational steps, this mindset makes of Christian faith a small, this-wordly, manageable formula for success […]” (Wells, S.36).

Dies sollte uns nachdenklich stimmen. Wir schwimmen an der Oberfläche und tauchen nicht mehr ein in die Tiefe des Reichtums des Wortes Gottes. Unsere Wurzeln reichen nicht mehr ausreichend tief in Gottes Wort und wir werden „hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre“ (Eph 4,14). Wir simplifizieren, wir bevorzugen kurze, einfache, wohltuende Predigten, wir bevorzugen Gemeinschaft gegenüber dem Wort Gottes, wir haben eine Aversion gegen das Studium längerer, evtl. schwieriger Bibeltexte.

Paulus schreibt in seinem Brief an die Epheser:

„Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, 12 zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi, 13 bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi.“ (Eph 4,11-13)

Das ist unsere Aufgabe: Die Heiligen auszurüsten – nicht mit Bibel-Fast-Food sondern mit theologischem Schwarzbrot. Christen werden niemals mit postmodernen Gemeindestrategien zur „Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi“ gelangen. Das wird nur durch eine radikal Bibel-fundierte und Bibel-orientierte „Ernährung“ gelingen.

Wir brauchen keine neuen Methoden. Wir pfeifen auf Effizienz und Pragmatismus als Selbstzweck. Was wir brauchen ist eine Rückbesinnung auf das Wort Gottes, Christus:

„Denn ich nahm mir vor, nichts anderes unter euch zu wissen, als nur Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt.“ (1 Kor 2,2)

Das ist wahre Effizienz. Das Kreuz allein ist effizient, ist allein wirksam jeden zu retten der glaubt.
Wir brauchen eine neue Reformation. Die evangelikale Gemeinde in Deutschland muss sich radikal reformieren, ansonsten wird sie sich so sehr verdünnen, dass selbst der eingefleischteste Homöopathiker ins Staunen gerät.

20.11.06

5. Spiritueller Eklektizismus

Spiritueller Eklektizismus ist ein weiteres Charakteristikum der PM.

Was verstehen wir unter diesem Phänomen?

Das pm Individuum weist ein geistliches Vakuum auf (entstanden durch die Abkehr vom Christentum als „füllend“), das Ausfüllung verlangt. Wir Menschen sind von Natur aus religiöse/spirituelle Wesen. Historische Forschung macht deutlich, dass wir von jeher verschiedene Formen der Anbetung hinsichtlich wechselnder Objekte praktizierten (sei es die Sonne, Jahreszeiten, Götter u.ä.). Johannes Calvin spricht hier treffend von einem „Samen der Religion“ den Gott dem Menschen eingepflanzt hat: “God has sown a seed of religion (semen religionis) in all men” (Institutio, I.IV,1).

Womit soll das leere pm Herz gefüllt werden?

Im Zusammenhang mit der PM verschiebt sich nun der Schwerpunkt weg von „Religion“ hin zu „Spiritualität“. Religion als öffentlicher Herold allgemeiner und verbindlicher Wahrheit wird abgelöst von Spiritualismus. David spricht dementsprechend begrifflich präzise von der „Wiederentdeckung des Pseudo-Religiösen“ (Rüger’s Kommentar zu meinem Beitrag vom 25.10.06). Der pm Mensch ist nicht an traditioneller Religion interessiert, er sucht das Pseudo-Religiöse, das diffuse, das wertneutrale Spirituelle. Interindividuell variierende und unverbindliche Spiritualität ist somit das pm Substitut allgemeingültiger Religion.

Spiritueller Eklektizismus bedeutet in diesem Sinn, dass der pm Sinnsucher verschiedene, miteinander konkurrierende Weltanschauungen im spirituellen Supermarkt sichtet, miteinander vergleicht, einordnet und sich schließlich angeeignet (bzw. eigens konstruiert, Konstruktivismus).

War Glaube früher an Institutionen gebunden (Denominationen, Gemeinde, Kirche), so ist ein wichtiges Kennzeichen des pm „Glaubens“ die Privatisierung. Glaube in der PM ist eine Privatsache. Dies spiegelt sich auch in den aktuellen Redewendungen wieder: „Jeder soll nach eigener Facon selig werden“ bzw.: „Ich lasse Dir Deinen Glauben“. Pragmatismus ersetzt göttliche Wahrheit, d.h. es gibt kein doktrinbezogenes „wahr“ oder „falsch“ mehr, sondern nur ein „nützlich“ oder „nutzlos“: “Wenn es dich glücklich macht,…”, „Wenn es dir hilft“. Wahrheit in der PM steht unter dem Überbau des therapeutisch „Sinnvollen“, der Zweck „heiligt“ (!) die Mittel, wer heilt hat Recht.

Wie reagieren wir als Christen? Nun, wir registrieren zunächst, dass der Docht der Religion, des Glaubens an Gott, noch glimmt. Die Lehrregeln von Dordrecht (1618-19) beschreiben es so:

„Zwar ist nach dem Fall im Menschen noch ein gewisses Licht der Natur übriggeblieben, wodurch er einige Kenntnis von Gott, von den natürlichen Dingen, von dem Unterschied zwischen dem, was sich geziemt und nicht geziemt, behält und auch der Tugend und äußeren Zucht noch eine gewisse Beachtung schenkt. Jedoch ist es so weit davon entfernt, daß der Mensch durch dies Licht der Natur zu der seligmachenden Erkenntnis Gottes kommen
könnte […].“

Jeder Mensch, ausnahmslos und zeitübergreifend, besitzt einen Sinn für das Göttliche. Das kommt uns zugute. Wir Christen sind Lichter in dieser Welt, die den glimmenden Docht der Religion bei unseren Mitmenschen neu entfachen dürfen. Das vorhandene Glimmen (Sehnsucht nach geistlicher Füllung) muss auf Gott hin ausgerichtet und intensiviert werden, damit wahre Erleuchtung stattfinden kann.

Unserer christlichen Botschaft kommt zu Hilfe, dass im Prinzip jeder Mensch weiß, dass Gott existiert und dass Gott Rechenschaft fordern wird:

"Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten, 19 weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, denn Gott hat es ihnen offenbart. 20 Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird seit Erschaffung der Welt in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien;" (Röm 1,18-20).

Johannes Calvin beschreibt diese biblische Wahrheit folgendermaßen: “There is within the human mind, and indeed by natural instinct, an awareness of divinity (divinitatis sensum). This we take to be without controversy.” (Institutio, I.III,1).

Hier wollen wir ansetzen und Gottes Wort in den spirituellen Eklektiker hineinsäen, damit er seine unfruchtbaren Anbauversuche bekennt, umkehrt und der Same Religion heranwachsen kann zu einem Mammutbaum des Glaubens an Gott.

14.11.06

4. Das neue Selbst und dessen Krise

David ist beizupflichten. Sein Hinweis auf das Korrelat „Ablehnung von Autoritäten x Identitätskrise“ trifft einen wunden Punkt des pm Menschen. Hier sollten wir nachhaken.

Die Ablehnung jedweder Autorität führt notwendigerweise zu einer Krise des Selbst. Wer keine Maßstäbe anerkennt wird maßlos. Wer sich die Richtung nicht sagen lässt, verirrt sich. Wer die Straßenkarte verachtet, kann im Nirgendwo landen.

Es ist bezeichnet für die PM dass Personen idiosynkratisch ihr Selbst bilden. Anders als vor 50-100 Jahren wird das Selbst heute weniger von Autoritäten oder Vorbildern geprägt – es will sich nicht mehr prägen lassen, sondern sich vielmehr selbst prägen. Das Selbst wird internal statt external generiert. Der pm Mensch konzentriert sich auf sich selbst, er blickt nach innen und hofft auf die innere Erleuchtung. Das pm Selbst ist nicht mehr in Gott verwurzelt, es fließt „away from what is eternal, unchanging, and enduring, and into what is shifting, faddish, fleeting, and ephemeral.“ (Wells, S.43).

Diese internale Generierung findet kontinuierlich statt. Dies ist ein weiteres wichtiges Charakteristikum der PM. Man könnte Madonna als das Paradebeispiel eines ständig Image-wechselnden pm Individuums betrachten: von obszön-lasziv über blasphemisch hin zu jüdisch. Wells bemerkt korrekt: “The modern self, as a result, has grown very thin, insubstantial, and distracted. It lives in a world of fleeting experiences and constantly shifting images, images which we create and by which we sometimes even pass ourselves off as something we are not.” (Wells, S.45).

Das pm Selbst glaubt, an was es will. Verschwunden sind die Metanarrativen der Aufklärung – es bleiben privatized worldviews (Wells, S.74). Jeder schreibt seine eigene petite histoire und tut alles „My way“ (Frank Sinatra). Zu bereuen gibt es nichts, da keine allgemeingültige Moral vorausgesetzt wird. Glaube, an was auch immer, ist Privatangelegenheit.

Das Selbst des pm Menschen – und das gilt auch für den Menschen als Abkömmling Adams zeitübergreifend – ist aufgebläht. Wir sind egoistisch, egozentrisch und besitzen ein irrational positives Bild von uns selbst.

Leider sind wir uns darüber in der Regel nicht bewusst. Dies belegen klassisch therapeutische Predigten über das Gebot: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" (Mk 12.31). Der Tenor einer pm therapeutischen Predigt heißt dann: „Du musst erst lernen, dich selbst zu lieben, bevor du deinen Nächsten lieben kannst.“ Der Gottesdienstbesucher wird ermuntert sich selbst lieben zu lernen und dann „befreit“ zu sein, den Nächsten ebenso zu lieben. Zugegeben, manche Personen, die unter psychischen Krankheiten leiden, schätzen sich selbst oft sehr negativ ein (man beachte: oft sind Äußerungen über den eigenen depressiven Zustand aber auch Formen von Selbstliebe, da das Selbst in den Mittelpunkt gestellt wird und ständige Zuwendung durch Freunde/Therapeuten etc. fordert; Stichwort sekundärer Krankheitsgewinn). Aber für das gros der Bevölkerung gilt genau das Gegenteil: Wir lieben uns viel zu sehr. Uns zu predigen, wir sollten lernen uns selbst zu lieben hieße Eulen nach Athen zu tragen. Selbstüberschätzung ist das Kernproblem des Menschen, nicht -unterschätzung, wie allzu oft suggeriert. Erkenntnisse aus der Psychologie belegen das deutlich.

In der Psychologie beschreiben sog. Konsistenztheorien, dass Informationen dann als selbstbezogen enkodiert und zutreffend akzeptiert werden, wenn sie mit bereits gespeicherten selbstbezogenen Informationen übereinstimmen. D.h., wir lassen nur diejenigen Informationen an uns ran, die mit unserem Selbstbild übereinstimmen. Carl Rogers (1951) war der Auffassung, dass ein primäres Motiv des Menschen darin besteht, die Selbstwerteinschätzung zu erhöhen. Maslow (1954) beschritt einen ähnlichen Weg mit seinem Konzept der "self-actualisation". Psychologen konnten weiter zeigen, dass Individuen eine erhöhte Sensibilität für selbstrelevante Stimuli zeigen. Reize, die mit dem bestehenden Selbstkonzept übereinstimmen werden außerdem effizienter verarbeitet ("self-enhancement theory"). Darüber hinaus bewirken selbstrelevante Stimuli eine erhöhte Abruf- und Erinnerungswahrscheinlichkeit und schließlich widerstehen Individuen inkongruenter Information bzgl. ihrer Selbststruktur (Markus, 1977). Diese Vorgänge sind uns nicht immer bewusst, sie laufen implizit ab. Es ist doch faszinierend, dass die säkulare psychologische Forschung so detailliert aufzeigt, wie sehr das menschliche Selbst von Sünde durchdrungen ist. Der Mensch kann nicht anders (Hinweis auf Erbsünde?) als Informationen stereotyp selbstwertfördernd einzuordnen. Wir lieben uns zu sehr, sehen uns in einem zu guten Licht und sind durchdrungen von positiven Selbst-Illusionen (vgl. "positive self-illusions", Taylor & Brown, 1988).

Wie ist das pm Selbst aus christlicher Sicht zu bewerten?

Der Prophet Jeremia beschreibt das sündige Verhalten des pm Menschen:

"Denn zweifach Böses hat mein Volk begangen: Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten." (Jer 2,13).
Gott, als die einzige Quelle, die Sinn, Freude, Frieden und Leben in Fülle geben kann, wurde vom pm Menschen verlassen. Stattdessen hat er sich mit seinem Selbst eine rissige Zisterne gebaut. Dieses Zisternen-Selbst ist ausgehöhlt und durchlöchert, es kann kein lebensspendendes Wasser halten. Die Löcher der rissigen Zisterne „Selbst“ werden nur dann gestopft wenn Christus als Quelle hineinströmt. Dann ist nicht mehr das Selbst dominierend, sondern Christus, wie Paulus schreibt: "Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe; ich bin mit Christus gekreuzigt, 20 und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir;[…]" (Gal 2.19-20a). Das Christen-Selbst sieht von sich weg auf Christus (und auf den Nächsten!). Der Christ hängt als Rebe an Christus, dem lebenswichtigen Weinstock ohne den er nichts tun kann (vgl. Joh 15,5). Das Selbst des Christen geht auf in der Dreieinigkeit Gottes: "An jenem Tag werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch." (Joh 14.20, vgl. auch Joh 17.21). Das ist Leben. Leben in der Gemeinschaft des dreieinen Gottes. Dazu wurden wir Menschen geschaffen. Das dürfen wir schon jetzt, aber erst recht in der Ewigkeit genießen. Geben wir uns nicht mit unserem Selbst zufrieden, das schal und leer ist – strecken wir uns aus nach der Quelle, dem vor Reichtum überfließenden, überaus schönen, umwerfend großen, barmherzigen, gnädigen, allein befriedigenden, allein sättigenden Gott.

9.11.06

3. Ablehnung von Autoritäten

Der von Michael diagnostizierte Verlust objektiver Wahrheiten hat eine unmittelbare Konsequenz: Ablehnung von Autoritäten. Unmittelbar und geradezu logisch zwingend ist diese Konsequenz deshalb, weil mit der Leugnung einer objektiven Wahrheit notwendigerweise auch eine Person abgelehnt wird, die für sich in Anspruch nimmt, Träger oder Botschafter dieser Wahrheit zu sein.
Wir können einerseits eine "aktive" Ablehnung von Autorität feststellen, das heißt die Nichtakzeptanz von Personen, die mit einem Autoritätsanspruch auftreten, andererseits eine "passive" Ablehnung der Autorität, die sich darin zeigt, daß Personen, die Träger von Autorität sein sollten, nicht bereit oder in der Lage sind, diese Autorität auszuüben.

Die Implikationen der Ablehnung von Autorität beginnen beim Individuum selbst und setzen sich in konzentrischen Kreisen bis in die Politik fort:

1. Die Person
Jesus Christus nimmt mit seiner Aussage, die Wahrheit selbst zu sein (Joh 14,6) , das denkbare Höchstmaß an Autorität für sich in Anspruch. Wer diese Autorität bewußt ablehnt, kann keine Gottesbeziehung aufbauen, weil der einzige Weg zu Gott dem Vater über Jesus führt (ebda.). Wer keine Gottesbeziehung hat, lebt seiner schöpferischen Bestimmung zur Gottesebenbildlichkeit (1. Mose 1, 27) zuwider und ist folglich nicht in der Lage, sich selbst zu finden. Das heißt: Die Ablehnung der letzten und höchsten Autorität hindert den Menschen an einer gesunden Identitätsbildung.

2. Die Familie
Menschen, die mit sich selbst im Widerstreit stehen, tragen diesen Konflikt in ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Sicher ist der sog. antiautoritäre Erziehungsstil ein Kennzeichen der Postmoderne jedenfalls in ihrer frühen Phase.
Paulus ermahnt Kinder in Eph 6,1 zur Anerkennung elterlicher Autorität und Eltern in Eph 6,4 zur geistlich motivierten maßvollen Wahrnehmung von Autorität.
Heute ist die Erkenntnis, daß die aktive und passive Ablehnung von Autorität im Bereich der Familie gravierendste gesellschaftliche Auswirkungen hat, beinahe ein Gemeinplatz.

3. Die Gemeinde
Auch die christliche Gemeinde bleibt vor dieser Tendenz der Postmoderne nicht verschont. Gemeindeglieder werden an vielen Stellen aufgefordert, geistliche Autoritäten anzuerkennen (vgl. etwa Hebr 13,17); Paulus fordert seinen Schüler Timotheus in zwei Briefen auf vielerlei Weise auf, geistliche Autorität wahrzunehmen.
Wenn Gemeinde Jesu nicht als Leib (1 Kor 12) , sondern als basisdemokratische Versammlung ohne feste Strukturen mißverstanden wird, kann das für deren Selbstverständnis und missionarische Arbeit nicht ohne Auswirkungen bleiben.

4. Der Staat
In der Nachkriegszeit ist in den demokratischen Staaten Westeuropas und ganz besonders in Deutschland aus der Angst vor dem Machtmißbrauch eine Angst vor der Macht selbst geworden.
Die rechtsstaatlichen Verfassungen Europas enthalten heutzutage ein filigranes System gegenseitiger Machtbegrenzung und -kontrolle. Einerseits sind diese Schutzmechanismen wichtig und hilfreich, andererseits blockieren sie oft notwendige politische Entscheidungen und lähmen so die Dynamik der Regierungsarbeit.
Der Kern dieses staatsrechtlichen Problems hängt meines Erachtens auch mit der Ablehnung von Autorität zusammen.
Weltpolitisch hat Deutschland offenbar ein ernstes Problem mit der passiven Ablehnung von politischer Autorität, die sich etwa in der zögerlichen Übernahme einer Führungsrolle im Bereich der internationalen Konfliktbewältigung zeigt.
Eine zentrale und vieldiskutierte Stelle im Hinblick auf staatliche Autorität ist Röm 13,1 - eine Stelle, die zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer in einen langen quälenden Konflikt gestürzt hat und ihn an der geistlichen Legitimation von gewaltsamen politischen Widerstand hat zweifeln lassen.
Daß wir Bonhoeffers Konflikt ex post kaum nachvollziehen können, beweist möglicherweise nur, wie wenig wir über die geistliche Bedeutung politischer Autorität nachdenken.

Wir haben gesehen, daß die Ablehnung von Autorität fast alle Bereiche unseres Lebens beeinflußt. Autorität, lat. auctoritas, umfaßt Bedeutungen wie Vorbild, Gewicht, Ansehen, Vollmacht (vgl. Stowasser, Lat.-dt. Schulwörterbuch, s.v. auctoritas).
Biblisch begründete Autorität ist das Gegenteil von Meinungsdiktatur; sie wächst aus der Kraft eines authentischen, vorbildhaften (was nicht bedeutet: fehlerfreien!) Lebens.
Menschen, die zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit trachten (Matth 6,33), sind aufgerufen, ihre von Gott geschenkte Autorität wahrzunehmen. Unerläßliche Voraussetzung dafür ist, daß sie ihrerseits die über sie gesetzten Autoritäten anerkennen.

2. Kollaps objektiver Wahrheit? – subjektive Realitätskonstruktion

Die PM ist (angeblich) gekennzeichnet durch eine Absenz objektiver, ultimativer Wahrheit (so Derrida und Foucault). Wurde die Aufklärung noch durch die Pfeiler des Humanismus aufrechterhalten, so kollabiert jegliche Moral in der PM, so deren Vertreter. Ganz nach dem Motto: Der Tod Gottes (Nietzsche) zieht den Tod der Moral nach sich. Es wird folglich angenommen, dass es kein allgemein gültiges Fundament für Moral gibt. Konsequenterweise hat Kant’s kategorischer Imperativ als Maxime ausgedient. Vielmehr regiert in der PM scheinbar extremer Relativismus – Bloom hält fest: „Today we are a nation of relativists.“ (Allan Bloom zit. n. Wells, S.85). Das heißt, Wahrheit ist relativ für den Betrachter, für den die Wahrheit als wahr anerkannt wird. Relativismus geht schlussendlich einher mit radikalem Perspektivismus: „Reality is therefore always ambiguous and always demanding new appraisals“ (Wells, S.86). Nichts hat mehr Wert, Realität wird konstruiert: „Reality is fluid, changing, and always open“, kommentiert Wells.
Führt man diesen Relativismus zu seinen Wurzeln, so landet man bei bloßen Gefühlsurteilen. Das heißt, man kann nicht mehr sagen: „Die Alpen sind beeindruckend“ – die einzig mögliche Aussage im Relativismus reduziert sich zu: „Ich persönlich empfinde die Alpen als beeindruckend.“ Subjektive Gefühlsurteile substituieren allgemeingültige Aussagen. Analog kann man über ein Verbrechen nur die relative Aussage treffen: „Ich habe ein ungutes Gefühl darüber.“ Aber ohne absoluten moralischen Maßstab ist das Verbrechen nicht als unmoralisch zu bewerten. Als Jurist kann David hier vielleicht anknüpfen und die Einwirkungen des pm Relativismus auf die Legislative beschreiben.
Dennoch: Der Relativismus ist eine Luftblase. Denn Wahrheit bleibt Wahrheit – Wahrheit ist nicht relativierbar. Wer sagt, es gibt keine allgemeingültige Wahrheit, der lügt sich in die Tasche. Kinderschändung wird jeder pm Mensch verurteilen. Auf welcher Grundlage? Wenn doch alles relativ ist? Wenn alles relativ ist und die Wahrheit im Auge des Betrachters liegt, wie kann ein objektives Rechtssystem aufrechterhalten werden?
Hier spricht das Christentum deutlich in die Verwirrung pm Gedankenkonstrukte. Die Bibel liefert den Beleg für die Existenz allgemeingültiger und interindividuell invarianter moralischer Maßstäbe. Paulus schreibt: Denn wenn Nationen, die kein Gesetz haben, von Natur dem Gesetz entsprechend handeln, so sind diese, die kein Gesetz haben, sich selbst ein Gesetz. 15 Sie beweisen, daß das Werk des Gesetzes in ihren Herzen geschrieben ist, indem ihr Gewissen mit Zeugnis gibt und ihre Gedanken sich untereinander anklagen oder auch entschuldigen – (Röm 2,14-15). Das heißt: Kulturell und interindividuell übergreifend ist Menschen das Gesetz Gottes ins Herz geschrieben – sowohl bei den Aborigenes als auch auf Island wird Ehebruch verurteilt werden. Selbst säkulare, angeblich pm Journalisten sprachen im Rahmen der 9/11 Anschläge in den USA vom „Bösen“. Es gibt das Böse, das Unmoralische – die Frage ist nur, ob wir es anerkennen oder nicht. Es gibt Gott, der absolute Wertmaßstäbe festgesetzt hat in Seinem Wort – festgeschrieben in unserem Gewissen.
So wie die Naturgesetze von Gott festgesetzt sind und Wissenschaftler nichts anderes tun als Gott-gegebene physikalische Grundlagen zu entdecken, so gilt es, dass wir Gottes Gesetz in uns – und vor allem im Gott-gegebenen Wort entdecken. Absolute und allgemein gültige Moral zu leugnen wäre genauso albern wie die Schwerkraft in Frage zu stellen.
Der pm Relativismus entpuppt sich als eine leere Hülse, ein bloßes Gespenst. Schließlich sollten wir statt von einem Kollaps objektiver Wahrheit eher von einem Wissensschwund um unser christliches Fundament sprechen und von einem Nichteingestehen de facto Gewissens-immanenter, Gott-gegebener Moral im Menschen.