Der von Michael diagnostizierte Verlust objektiver Wahrheiten hat eine unmittelbare Konsequenz: Ablehnung von Autoritäten. Unmittelbar und geradezu logisch zwingend ist diese Konsequenz deshalb, weil mit der Leugnung einer objektiven Wahrheit notwendigerweise auch eine Person abgelehnt wird, die für sich in Anspruch nimmt, Träger oder Botschafter dieser Wahrheit zu sein.
Wir können einerseits eine "aktive" Ablehnung von Autorität feststellen, das heißt die Nichtakzeptanz von Personen, die mit einem Autoritätsanspruch auftreten, andererseits eine "passive" Ablehnung der Autorität, die sich darin zeigt, daß Personen, die Träger von Autorität sein sollten, nicht bereit oder in der Lage sind, diese Autorität auszuüben.
Die Implikationen der Ablehnung von Autorität beginnen beim Individuum selbst und setzen sich in konzentrischen Kreisen bis in die Politik fort:
1. Die Person
Jesus Christus nimmt mit seiner Aussage, die Wahrheit selbst zu sein (Joh 14,6) , das denkbare Höchstmaß an Autorität für sich in Anspruch. Wer diese Autorität bewußt ablehnt, kann keine Gottesbeziehung aufbauen, weil der einzige Weg zu Gott dem Vater über Jesus führt (ebda.). Wer keine Gottesbeziehung hat, lebt seiner schöpferischen Bestimmung zur Gottesebenbildlichkeit (1. Mose 1, 27) zuwider und ist folglich nicht in der Lage, sich selbst zu finden. Das heißt: Die Ablehnung der letzten und höchsten Autorität hindert den Menschen an einer gesunden Identitätsbildung.
2. Die Familie
Menschen, die mit sich selbst im Widerstreit stehen, tragen diesen Konflikt in ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Sicher ist der sog. antiautoritäre Erziehungsstil ein Kennzeichen der Postmoderne jedenfalls in ihrer frühen Phase.
Paulus ermahnt Kinder in Eph 6,1 zur Anerkennung elterlicher Autorität und Eltern in Eph 6,4 zur geistlich motivierten maßvollen Wahrnehmung von Autorität.
Heute ist die Erkenntnis, daß die aktive und passive Ablehnung von Autorität im Bereich der Familie gravierendste gesellschaftliche Auswirkungen hat, beinahe ein Gemeinplatz.
3. Die Gemeinde
Auch die christliche Gemeinde bleibt vor dieser Tendenz der Postmoderne nicht verschont. Gemeindeglieder werden an vielen Stellen aufgefordert, geistliche Autoritäten anzuerkennen (vgl. etwa Hebr 13,17); Paulus fordert seinen Schüler Timotheus in zwei Briefen auf vielerlei Weise auf, geistliche Autorität wahrzunehmen.
Wenn Gemeinde Jesu nicht als Leib (1 Kor 12) , sondern als basisdemokratische Versammlung ohne feste Strukturen mißverstanden wird, kann das für deren Selbstverständnis und missionarische Arbeit nicht ohne Auswirkungen bleiben.
4. Der Staat
In der Nachkriegszeit ist in den demokratischen Staaten Westeuropas und ganz besonders in Deutschland aus der Angst vor dem Machtmißbrauch eine Angst vor der Macht selbst geworden.
Die rechtsstaatlichen Verfassungen Europas enthalten heutzutage ein filigranes System gegenseitiger Machtbegrenzung und -kontrolle. Einerseits sind diese Schutzmechanismen wichtig und hilfreich, andererseits blockieren sie oft notwendige politische Entscheidungen und lähmen so die Dynamik der Regierungsarbeit.
Der Kern dieses staatsrechtlichen Problems hängt meines Erachtens auch mit der Ablehnung von Autorität zusammen.
Weltpolitisch hat Deutschland offenbar ein ernstes Problem mit der passiven Ablehnung von politischer Autorität, die sich etwa in der zögerlichen Übernahme einer Führungsrolle im Bereich der internationalen Konfliktbewältigung zeigt.
Eine zentrale und vieldiskutierte Stelle im Hinblick auf staatliche Autorität ist Röm 13,1 - eine Stelle, die zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer in einen langen quälenden Konflikt gestürzt hat und ihn an der geistlichen Legitimation von gewaltsamen politischen Widerstand hat zweifeln lassen.
Daß wir Bonhoeffers Konflikt ex post kaum nachvollziehen können, beweist möglicherweise nur, wie wenig wir über die geistliche Bedeutung politischer Autorität nachdenken.
Wir haben gesehen, daß die Ablehnung von Autorität fast alle Bereiche unseres Lebens beeinflußt. Autorität, lat. auctoritas, umfaßt Bedeutungen wie Vorbild, Gewicht, Ansehen, Vollmacht (vgl. Stowasser, Lat.-dt. Schulwörterbuch, s.v. auctoritas).
Biblisch begründete Autorität ist das Gegenteil von Meinungsdiktatur; sie wächst aus der Kraft eines authentischen, vorbildhaften (was nicht bedeutet: fehlerfreien!) Lebens.
Menschen, die zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit trachten (Matth 6,33), sind aufgerufen, ihre von Gott geschenkte Autorität wahrzunehmen. Unerläßliche Voraussetzung dafür ist, daß sie ihrerseits die über sie gesetzten Autoritäten anerkennen.
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