30.12.06

Esra: Erweckung durch das Wort allein (eine Antwort auf David)

Ich bin David sehr dankbar für seine Ergänzungen in seiner „Antwort auf 6.: Wieviel Effizienz ist erlaubt?“ Davids Ergänzungen sind insofern wertvoll als er richtigerweise klarstellt, dass Effizienz als Selbstzweck gar nicht existieren kann. Das war von mir zu kurz gedacht. Es ist sicher zutreffend, dass hinter praktizierter Effizienz „ein anderer, verwerflicher Zweck“ (David) steckt (wie etwa Mammon, Stolz, Imponiergehabe etc.).

Punkt 2 von David brachte mich ins Nachdenken. Auf der einen Seite stütze ich Davids bibelfundierte These, dass zu Beginn des Christenlebens Milch fließt und dann später Schwarzbrot folgt. Auf der anderen Seite ist es dennoch möglich, dass auf einen Schwarzbrot-Beginn eine geistliche Erweckung in allen Schichten erfolgen kann. Dies will ich mit Esra illustrieren. Esra zeigt uns, dass das Motto „Neue Zeiten brauchen neue Ideen“ nicht unbedingt immer zutreffend ist – eine für uns vielleicht heilsame Lehre.

Esra (identisch mit dem Autor des Buches „Esra“) war aus priesterlichem Geschlecht (stammte von Aaron ab, s. Esra 7,1-5) und war derjenige Schriftgelehrte, der aus dem babylonischen Exil um ca. 459 nach Jerusalem zurückkehrte. Artaxerxes erlaubte Esra mit einer Gruppe Israeliten (ca. 5000 Personen) zurück nach Jerusalem zu reisen (Esra 8).

Esra kehrte zurück in ein „neues altes“ Land. Es ist bemerkenswert, dass Esra – nachdem das Volk 70 Jahre im babylonischen Exil lebte – seine Identität nicht vergaß, dass er nicht ignorierte, woher er herkam, er der Gott war, den seine Väter und auch er anbeteten.

Esra war ein Mann des Wortes, des Wortes Gottes. In Nehemia 8 erfahren wir, wie Esra dem gesamten anwesenden Volk die fünf Bücher Mose vorlas.

"Und er las daraus vor auf dem Platz, der vor dem Wassertor war, vom ersten Tageslicht bis zum Mittag in Gegenwart der Männer und Frauen und aller, die es verstehen konnten. Und die Ohren des ganzen Volkes waren auf das Buch des Gesetzes gerichtet." (Neh 8,3)

Täglich für mindestens 6 Stunden las Esra den Menschen vor – das widerspricht dem deutschen Sprichwort: „Ein Pastor kann über alles predigen, außer über 20 Minuten.“ Eigentlich sollte alle 7 Jahre während des Laubhüttenfestes das Gesetz des Mose vorgelesen werden (vgl. Deut 31,10-13), doch dieses Ritual war während der babylonischen Gefangenschaft abhanden gekommen. Esra führte es neu ein.

Esra begann etwas Neues mit etwas Altem. Er dachte nicht: Neue Methoden müssen her, um das Volk wachzurütteln. Er war nicht „seeker-sensitiv“, obwohl das Volk 70 Jahre in der Fremde war unter fremden Kulten und Göttern. Esra hatte nicht überlegt, okay, die brauchen jetzt erstmal Milch, ich lese jeden Tag ein Kapitel und lege es praktisch aus, damit jeder was damit anfangen kann. Esra wollte nicht „effizient“ sein – und doch war er es. Es kam zu einer Erweckung. Die Menschen waren zutiefst betroffen über das, was sie hörten. Sie wurden aufgeweckt, erweckt:

"Und Nehemia, das ist der Tirschata, und der Priester Esra, der Schriftgelehrte, und die Leviten, die das Volk belehrten, sagten zum ganzen Volk: Dieser Tag ist dem HERRN, eurem Gott, heilig! Seid nicht traurig und weint nicht! Denn das ganze Volk weinte, als es die Worte des Gesetzes hörte." (Neh 8,9)

Das ist Erweckung. Wenn Gott in den Herzen der Menschen wirkt, sodass sein Wort auf fruchtbaren Boden fällt und Sündenerkenntnis, Bitte um Vergebung und Lobpreis herbeiführt.

In den kommenden Tagen bekannte das Volk Gott seine Schuld (Nehemia 9):

"Und sie standen auf an ihrer Stelle, und man las aus dem Buch des Gesetzes des HERRN, ihres Gottes, vor, ein Viertel des Tages. Und ein anderes Viertel des Tages bekannten sie ihre Verfehlungen und warfen sich nieder vor dem HERRN, ihrem Gott." (Neh 9,3)

Sie erneuerten den Bund mit Gott (Nehemia 10):

"schließen sich ihren Brüdern, den Mächtigen unter ihnen, an und treten in Eid und Schwur, im Gesetz Gottes zu leben, das durch Mose, den Knecht Gottes, gegeben worden ist, und alle Gebote des HERRN, unseres Herrn, und seine Rechtsbestimmungen und seine Ordnungen zu bewahren und zu tun." (Neh 10,30)

Das alles, weil Esra so mutig war, keine neuen Methoden zu probieren. Was allein tat er? Er las das Wort vor und legte es aus (Neh 8,8). Es ist so simpel: Das Wort. Das Wort wirkte in den Herzen der Menschen:

"Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens;" (Hebr 4,12)

Fazit: Was brauchen wir?

Das Wort.
Und Gebet.

Wir müssen
a) das Wort lesen und auslegen und
b) beten, dass Gott durch seinen Heiligen Geist das Wort in den Herzen der Menschen lebendig und wirksam macht (Hebr 4,12)

Und
Sonst
Nichts.

29.12.06

Einschub: Kleiderordnung in der Gemeinde?

Ich wurde gefragt, wie man sich in der Gemeinde zu kleiden hat. Meine dürftigen, unvollkommenen Gedanken dazu hier (Gibt es weitere Hinweise, Regeln hinsichtlich einer „Kleiderordnung“ in der Gemeinde?):

Zunächst sollten wir festhalten, dass Christen frei sind. Paulus schreibt an die Galater: "Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder." (Gal 5,13a) Wir dürfen uns faktisch kleiden, wie wir wollen. Wir haben diese Freiheit durch Christus, der am Kreuz Freiheit für uns erkauft hat. Das ist wahr und herrlich, wir dürfen unsere Freiheit in Christus genießen. Weiterhin gilt aber, so schreibt Paulus weiter: "Nur gebraucht nicht die Freiheit als Anlaß für das Fleisch, sondern dient einander durch die Liebe!" (Gal 5,13b). Das heißt, die Liebe bestimmt, wie wir unsere Freiheit gebrauchen. Wir werden unsere Freiheit vielleicht einschränken, um anderen Geschwistern keinen Anstoß zu geben: "Seht aber zu, daß diese eure Freiheit für die Schwachen nicht zum Anstoß wird!" (1 Kor 8,9). Die Liebe, die in unsere Herzen ausgegossen ist (Röm 5,5), bewirkt, dass wir unsere Freiheit regulieren, sodass wir unanstößig sind: "Seid unanstößig, sowohl für Juden als auch für Griechen als auch für die Gemeinde Gottes!" (1 Kor 10,32). Ebenso leitet uns unser Gewissen, wie man sich in welcher Situation kleiden sollte – Gott hat uns einen gesunden Menschenverstand geschenkt, der uns Richtung weist.

Bezogen auf unsere Frage, wie man sich in der Gemeinde kleiden sollte, dürfen wir uns daher konkret fragen:

Wirke ich mit meiner Kleidung in irgendeiner Weise anstößig?
Könnte meine Kleidung provozieren? Von der Anbetung ablenken?
Trage ich auffallende Markenkleidung? Wieso? Bedenke ich die Konsequenzen?
Wie ist die Gemeindekultur? Anzug und Krawatte oder eher légère?
Ist meine Kleidung für einen Gottesdienst angemessen? Wie will ich Gott am Sonntag in der Gemeinde begegnen?
Wie wichtig ist mir Kleidung generell?

Gott sieht durch unsere Kleidung auf das Herz (1 Sam 16,7). Gott kommt es auf unsere Herzenshaltung an. Ebenso sollten wir das Herz des anderen sehen und nicht die Kleidung. Daher sollten wir einerseits keinen Anstoß geben – und auch „langsam sein“ zum Anstoß nehmen. In der Welt gilt: „Kleider machen Leute“. Bei Gott gilt: "ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten." (Ps 51,19).

11.12.06

7. Exkurs: Piper zur Postmoderne

In diesem Video, das ich heute zufällig gefunden habe, thematisiert John Piper einige Fragen der Postmoderne, die wir hier in den letzten Wochen diskutiert haben: Autorität, Pseudoreligiosität,...
Ein interessanter Beitrag von außen!
http://www.youtube.com/watch?v=ELRtXBxw2VE&mode=related&search=

Antwort auf 6.: Wieviel Effizienz ist erlaubt?

Effizienzstreben gehört, wie Michael ausführlich dargelegt hat, genauso zu den wichtigen Merkmalen der Postmoderne, und ganz sicher schadet in allen Lebensbereichen auch ein "Zuviel".
Wir könnten uns allerdings fragen: Gibt es Effizienz als Selbstzweck überhaupt? Verfolgen Menschen, die einem Rationalisierungswahn verfallen sind (vgl. Michaels anschauliche Beispiele!), Effizienz tatsächlich "as an end in itself"? Oder verbirgt sich hinter dem Streben nach der scheinbar reinen Effizienz nicht doch ein anderer, verwerflicher Zweck? Ein solcher könnte sein: "der Mammon"; Herrschaft über andere; Selbstbestätigung...
Aber wie wir das Phänomen auch genau bezeichnen - wir müssen, glaube ich, der von Michael angeschnittenen Frage nachgehen, inwieweit Effizienzgedanken in der Gemeinde-, Missions- und Evangelisationsarbeit eine Rolle spielen dürfen.

Ich möchte hier das Problem einmal von der Rückseite beleuchten und fragen: Gebietet uns das Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Mt 25, 14 ff) nicht geradezu einen möglichst effizienten Einsatz aller Mittel?
War Paulus' Grundsatz, "allen alles" zu werden, um einige zu erretten (1 Kor 9,22) , nicht Ausdruck eines gewissen Effizienzdenkens im Dienste des Evangeliums?

„It is very easy to build churches in which seekers congregate; it is very hard to build churches in which biblical faith is maturing into genuine discipleship.“ (Wells, S.119). Sicher hat Wells recht. Aber heißt das, daß wir das erste nicht tun sollten, weil es leichter ist?
Ich sehe natürlich wie Michael das Problem von Megachurches, die viele Menschen anziehen, aber theologischen Tiefgang vermissen lassen. Und ich stelle auch nicht in Frage, daß wir in den Gemeinden lieber "theologisches Schwarzbrot" als "Bibel-Fast-Food" (Michael) servieren sollten. Dennoch habe ich in diesem Zusammenhang zwei Fragen (auf die ich übrigens selbst keine Antwort weiß):
1. Dürfen wir das Evangelium nur predigen, wenn wir im "Erfolgsfall" auch eine hinreichende geistliche Anschlußversorgung gewährleisten können?
2. Ist es nicht besser, die Leute fast food essen zu lassen, bevor sie hungern? Könnte es nicht sein, daß die Leute das fast food nach einer Zeit von ganz allein satt haben und nach dem Schwarzbrot verlangen? Jedenfalls verläuft offenbar ein normaler geistlicher Wachstumsprozeß von Flüssignahrung zu fester Speise (Hebräer 5, 13 f.), und das Problem scheint vor allem darin zu liegen, daß Menschen zu lange in der "Milchphase" verweilen.

Es fragt sich, ob wir solche Entwicklungen wie Mega-Churches nicht stehen lassen können, ohne uns die betreffende Strategie selbst zu eigen zu machen. Vielleicht können wir etwas von der Gelassenheit des Paulus lernen, der sich sogar freuen konnte, wenn Leute das Evangelium predigten, um ihm "Bedrängnis zu erwecken" (Phil 1,18 nach Elb.).

"Wir brauchen keine neuen Methoden." Das scheint mir insoweit richtig, als der Glaube nach wie vor aus der Predigt kommt (Röm 10,17). Und wir brauchen ganz sicher kein neues Evangelium. Aber für die Frage, wie wir das alte und immer aktuelle Evangelium predigen, ließe sich doch vielleicht behaupten: Neue Zeiten brauchen neue Ideen!
War nicht Paulus für seine Zeit ein geradezu postmoderner Prediger? Würde seine Rede auf dem Areopag (Apg 17, 22 ff.) nicht jeden anständigen Evangelikalen zu einem skeptischen Naserümpfen verleiten? Geht die Botschaft da nicht gefährlich nahe in Richtung Religionsvermischung/Einheitsbrei (V.23) und Pantheismus (V. 28)?
Oder denken wir an die Unverfrorenheit Martin Luthers, die Heilige Schrift in die Sprache des Pöbels zu übersetzen!
Ich meine, daß uns das postmoderne Kommunikationszeitalter vor neue Herausforderungen stellt, die wir nicht ignorieren dürfen. Eine davon - darauf wurde ich kürzlich hingewiesen - ist die Entkoppelung von Wortverkündigung und Gemeinschaft der Gläubigen; ein vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbarer Vorgang. Es ist heute ohne weiteres denkbar, sich durch Kommunikationsmedien geistlich-theologisch zu versorgen, ohne in eine christliche Gemeinschaft eingebunden zu sein. Die Gefahr: Individualisierung des Christseins. Die Chance: Wir erreichen Menschen, die den Schritt in die Gemeinde nicht gehen würden. Und wir können Kontakte in der Gemeinde auch über große Distanzen hinweg bauen und pflegen.
Wir sollten die Chance nutzen. Ein Weg dazu ist dieser Blog...

28.11.06

6. Effizienz als Selbstzweck und Pragmatismus

Pragmatismus und das Streben nach Effizienz sind weitere wichtige Merkmale der Postmoderne.

Besonders wir Deutsche sind weltbekannt dafür, Effizienz zu optimieren. Der deutsche Satz, den bspw. jeder Brite kennt, stammt aus der Audi-Werbung: „Vorsprung durch Technik“ (O-Ton: „Vospung durk Teknik“). Effizienz in gesundem Maße angewandt ist gut und richtig. Doch überzogene Effizienz, bzw. Effizienz als Selbstzweck wirkt sich problematisch aus.

Überzogenes Effizienzstreben auf Seiten der Unternehmen wirkt sich nachteilig auf die Angestellten aus. Dies spiegelt sich in den „Unworten“ wieder, die jährlich von einer Kommission gewählt werden. So ist beschreibt „Outsourcing“ als Unwort des Jahres 1996 euphemistisch den Abbau von heimischen Arbeitsplätzen und deren Verlagerung (meist ins billigere Ausland). Das Individuum arbeitet nicht mehr als Angestellter, sondern nennt sich inzwischen auf „börsianisch“ „Ich-AG“ (Unwort des Jahres 2002). Der Begriff „Humankapital“ (Unwort des Jahres 2005) deutet an, dass Individuen zu ökonomischen messbaren Größen degradiert werden. Der Mensch muss sich der angestrebten Unternehmenseffizienz anpassen und unterordnen.

Die Auswirkungen auf das soziale Gefüge in unserem Land sind offensichtlich. Der Arbeitnehmer als „human resource“ wird ausgenutzt oder wegrationalisiert. Bewerber für Arbeitsplätze durchlaufen komplizierte Assessment-Center Prozeduren mit 360° Interviews; sie werden durchleuchtet, wie ein Auto vor der Endabnahme. Die wachsende Zahl von Unternehmensfusionen erschwert die Arbeit sozialer Regulatoren wie Gewerkschaft-/Betriebsrat. Mit Zunahme der Effizienz als Selbstzweck sinkt i.d.R. proportional die soziale Ethik: Arbeitsplätze werden dem angestrebten Börsenwert des Unternehmens untergeordnet – und trotz Gewinnzunahme erfolgt der „Abbau“ vieler Arbeitsplätze (siehe Siemens/Benq und Allianz in jüngster Vergangenheit). Demgegenüber entwickeln sich paradoxerweise die Vorstandsgehälter in großen Unternehmen inflationär.

Doch nicht nur in der säkularen Gesellschaft nimmt der Faktor „Effizienz“ als Selbstzweck ständig zu – auch in der Gemeinde schleicht er sich ein.

Diesbezüglich beobachtet David Wells die Entwicklung in der amerikanischen Gemeindelandschaft folgendermaßen: „The demands of efficiency, and the rational, impersonal workings of bureaucracy, are so much a part of who we have become that many of us also want our churches to have the feel of a smoothly run corporation.“ (Wells, S.23). Die Gemeinde wird zum Unternehmen, das effizient geführt werden muss.

Der „Erfolg“ einer Gemeinde wird nicht mehr am Maßstab des Wortes Gottes gemessen, sondern an Effizient, an nackten Zahlen. Deutsche evangelikale Denominationen blicken voller Neid auf die (angebliche) „Effizienz“ von amerikanischen „Megachurches“. Man kopiert emsig deren Gemeindestruktur, Strategien und Taktiken um möglichst viele „Seeker“ in die eigene Gemeinde zu schleppen (dabei wird übersehen, dass die amerikanische Kultur von der europäischen vollkommen verschieden sind; vielleicht funktionieren deshalb Megakirchen in Europa bisher nicht).

Das Problem besteht darin, dass angeblich effiziente Sucher-Gemeinden (Seeker-sensitive, how-to-churches) zwar auf geschickte Weise Menschen in die Kirche locken, aber dann oft keine Theologie als festes Fundament aufweisen. Allzu oft geht es nicht um Wahrheit, nicht um Konfrontation mit dem Wort Gottes. De facto widerspricht biblische Wahrheit radikal der Postmodernen Kultur wie wir anhand der vorigen Beiträge bereits festgestellt haben. Das Kreuz Christi erzeugt Ablehnung oder Aufstand, wenn es gepredigt wird (1 Kor 1,23). Doch zieht man diese Botschaft ab, kann man problemlos Gemeinden füllen bestehend aus netter Gemeinschaft, Hauskreisen mit Kaffee und Kuchen, Freizeitparks etc. David Wells bemerkt in diesem Zusammenhang: „It is very easy to build churches in which seekers congregate; it is very hard to build churches in which biblical faith is maturing into genuine discipleship.“ (Wells, S.119). Recht hat er. Principal Macleod erklärte uns angehenden Pastoren neulich im Unterricht: „We are not called to fill churches, we are called to preach the truth.“ (Vorlesung in Systematischer Theologie, Free Church College, Edinburgh). Das haben viele von uns verlernt. Zu leicht lässt man sich vom „Erfolg“ anderer, großer Gemeinden blenden und ist bereit theologisch-biblisch Kompromisse einzugehen des angestrebten „Erfolgs“ wegen. Wenn Pragmatismus vor Wahrheit geht, führt das unsere Gemeindelandschaft in die Oberflächlichkeit. Man braucht nur einmal einen Blick in die evangelikale Zeitschriften-Landschaft zu werfen, um die Verwässerung zu schmecken. Nach Substanz, tiefgründiger, herrlicher Wahrheit sucht man vergebens. Wells bemerkt: „This leads, for example, to books on spirituality that read like the owner’s manual for operating a machine, replete with steps, easy-to-follow directions, and practical „how-to-do-it“ formulae. In so reducing the greatness of God and of his truth to formulae and rational steps, this mindset makes of Christian faith a small, this-wordly, manageable formula for success […]” (Wells, S.36).

Dies sollte uns nachdenklich stimmen. Wir schwimmen an der Oberfläche und tauchen nicht mehr ein in die Tiefe des Reichtums des Wortes Gottes. Unsere Wurzeln reichen nicht mehr ausreichend tief in Gottes Wort und wir werden „hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre“ (Eph 4,14). Wir simplifizieren, wir bevorzugen kurze, einfache, wohltuende Predigten, wir bevorzugen Gemeinschaft gegenüber dem Wort Gottes, wir haben eine Aversion gegen das Studium längerer, evtl. schwieriger Bibeltexte.

Paulus schreibt in seinem Brief an die Epheser:

„Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, 12 zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi, 13 bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi.“ (Eph 4,11-13)

Das ist unsere Aufgabe: Die Heiligen auszurüsten – nicht mit Bibel-Fast-Food sondern mit theologischem Schwarzbrot. Christen werden niemals mit postmodernen Gemeindestrategien zur „Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi“ gelangen. Das wird nur durch eine radikal Bibel-fundierte und Bibel-orientierte „Ernährung“ gelingen.

Wir brauchen keine neuen Methoden. Wir pfeifen auf Effizienz und Pragmatismus als Selbstzweck. Was wir brauchen ist eine Rückbesinnung auf das Wort Gottes, Christus:

„Denn ich nahm mir vor, nichts anderes unter euch zu wissen, als nur Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt.“ (1 Kor 2,2)

Das ist wahre Effizienz. Das Kreuz allein ist effizient, ist allein wirksam jeden zu retten der glaubt.
Wir brauchen eine neue Reformation. Die evangelikale Gemeinde in Deutschland muss sich radikal reformieren, ansonsten wird sie sich so sehr verdünnen, dass selbst der eingefleischteste Homöopathiker ins Staunen gerät.

20.11.06

5. Spiritueller Eklektizismus

Spiritueller Eklektizismus ist ein weiteres Charakteristikum der PM.

Was verstehen wir unter diesem Phänomen?

Das pm Individuum weist ein geistliches Vakuum auf (entstanden durch die Abkehr vom Christentum als „füllend“), das Ausfüllung verlangt. Wir Menschen sind von Natur aus religiöse/spirituelle Wesen. Historische Forschung macht deutlich, dass wir von jeher verschiedene Formen der Anbetung hinsichtlich wechselnder Objekte praktizierten (sei es die Sonne, Jahreszeiten, Götter u.ä.). Johannes Calvin spricht hier treffend von einem „Samen der Religion“ den Gott dem Menschen eingepflanzt hat: “God has sown a seed of religion (semen religionis) in all men” (Institutio, I.IV,1).

Womit soll das leere pm Herz gefüllt werden?

Im Zusammenhang mit der PM verschiebt sich nun der Schwerpunkt weg von „Religion“ hin zu „Spiritualität“. Religion als öffentlicher Herold allgemeiner und verbindlicher Wahrheit wird abgelöst von Spiritualismus. David spricht dementsprechend begrifflich präzise von der „Wiederentdeckung des Pseudo-Religiösen“ (Rüger’s Kommentar zu meinem Beitrag vom 25.10.06). Der pm Mensch ist nicht an traditioneller Religion interessiert, er sucht das Pseudo-Religiöse, das diffuse, das wertneutrale Spirituelle. Interindividuell variierende und unverbindliche Spiritualität ist somit das pm Substitut allgemeingültiger Religion.

Spiritueller Eklektizismus bedeutet in diesem Sinn, dass der pm Sinnsucher verschiedene, miteinander konkurrierende Weltanschauungen im spirituellen Supermarkt sichtet, miteinander vergleicht, einordnet und sich schließlich angeeignet (bzw. eigens konstruiert, Konstruktivismus).

War Glaube früher an Institutionen gebunden (Denominationen, Gemeinde, Kirche), so ist ein wichtiges Kennzeichen des pm „Glaubens“ die Privatisierung. Glaube in der PM ist eine Privatsache. Dies spiegelt sich auch in den aktuellen Redewendungen wieder: „Jeder soll nach eigener Facon selig werden“ bzw.: „Ich lasse Dir Deinen Glauben“. Pragmatismus ersetzt göttliche Wahrheit, d.h. es gibt kein doktrinbezogenes „wahr“ oder „falsch“ mehr, sondern nur ein „nützlich“ oder „nutzlos“: “Wenn es dich glücklich macht,…”, „Wenn es dir hilft“. Wahrheit in der PM steht unter dem Überbau des therapeutisch „Sinnvollen“, der Zweck „heiligt“ (!) die Mittel, wer heilt hat Recht.

Wie reagieren wir als Christen? Nun, wir registrieren zunächst, dass der Docht der Religion, des Glaubens an Gott, noch glimmt. Die Lehrregeln von Dordrecht (1618-19) beschreiben es so:

„Zwar ist nach dem Fall im Menschen noch ein gewisses Licht der Natur übriggeblieben, wodurch er einige Kenntnis von Gott, von den natürlichen Dingen, von dem Unterschied zwischen dem, was sich geziemt und nicht geziemt, behält und auch der Tugend und äußeren Zucht noch eine gewisse Beachtung schenkt. Jedoch ist es so weit davon entfernt, daß der Mensch durch dies Licht der Natur zu der seligmachenden Erkenntnis Gottes kommen
könnte […].“

Jeder Mensch, ausnahmslos und zeitübergreifend, besitzt einen Sinn für das Göttliche. Das kommt uns zugute. Wir Christen sind Lichter in dieser Welt, die den glimmenden Docht der Religion bei unseren Mitmenschen neu entfachen dürfen. Das vorhandene Glimmen (Sehnsucht nach geistlicher Füllung) muss auf Gott hin ausgerichtet und intensiviert werden, damit wahre Erleuchtung stattfinden kann.

Unserer christlichen Botschaft kommt zu Hilfe, dass im Prinzip jeder Mensch weiß, dass Gott existiert und dass Gott Rechenschaft fordern wird:

"Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten, 19 weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, denn Gott hat es ihnen offenbart. 20 Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird seit Erschaffung der Welt in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien;" (Röm 1,18-20).

Johannes Calvin beschreibt diese biblische Wahrheit folgendermaßen: “There is within the human mind, and indeed by natural instinct, an awareness of divinity (divinitatis sensum). This we take to be without controversy.” (Institutio, I.III,1).

Hier wollen wir ansetzen und Gottes Wort in den spirituellen Eklektiker hineinsäen, damit er seine unfruchtbaren Anbauversuche bekennt, umkehrt und der Same Religion heranwachsen kann zu einem Mammutbaum des Glaubens an Gott.

14.11.06

4. Das neue Selbst und dessen Krise

David ist beizupflichten. Sein Hinweis auf das Korrelat „Ablehnung von Autoritäten x Identitätskrise“ trifft einen wunden Punkt des pm Menschen. Hier sollten wir nachhaken.

Die Ablehnung jedweder Autorität führt notwendigerweise zu einer Krise des Selbst. Wer keine Maßstäbe anerkennt wird maßlos. Wer sich die Richtung nicht sagen lässt, verirrt sich. Wer die Straßenkarte verachtet, kann im Nirgendwo landen.

Es ist bezeichnet für die PM dass Personen idiosynkratisch ihr Selbst bilden. Anders als vor 50-100 Jahren wird das Selbst heute weniger von Autoritäten oder Vorbildern geprägt – es will sich nicht mehr prägen lassen, sondern sich vielmehr selbst prägen. Das Selbst wird internal statt external generiert. Der pm Mensch konzentriert sich auf sich selbst, er blickt nach innen und hofft auf die innere Erleuchtung. Das pm Selbst ist nicht mehr in Gott verwurzelt, es fließt „away from what is eternal, unchanging, and enduring, and into what is shifting, faddish, fleeting, and ephemeral.“ (Wells, S.43).

Diese internale Generierung findet kontinuierlich statt. Dies ist ein weiteres wichtiges Charakteristikum der PM. Man könnte Madonna als das Paradebeispiel eines ständig Image-wechselnden pm Individuums betrachten: von obszön-lasziv über blasphemisch hin zu jüdisch. Wells bemerkt korrekt: “The modern self, as a result, has grown very thin, insubstantial, and distracted. It lives in a world of fleeting experiences and constantly shifting images, images which we create and by which we sometimes even pass ourselves off as something we are not.” (Wells, S.45).

Das pm Selbst glaubt, an was es will. Verschwunden sind die Metanarrativen der Aufklärung – es bleiben privatized worldviews (Wells, S.74). Jeder schreibt seine eigene petite histoire und tut alles „My way“ (Frank Sinatra). Zu bereuen gibt es nichts, da keine allgemeingültige Moral vorausgesetzt wird. Glaube, an was auch immer, ist Privatangelegenheit.

Das Selbst des pm Menschen – und das gilt auch für den Menschen als Abkömmling Adams zeitübergreifend – ist aufgebläht. Wir sind egoistisch, egozentrisch und besitzen ein irrational positives Bild von uns selbst.

Leider sind wir uns darüber in der Regel nicht bewusst. Dies belegen klassisch therapeutische Predigten über das Gebot: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" (Mk 12.31). Der Tenor einer pm therapeutischen Predigt heißt dann: „Du musst erst lernen, dich selbst zu lieben, bevor du deinen Nächsten lieben kannst.“ Der Gottesdienstbesucher wird ermuntert sich selbst lieben zu lernen und dann „befreit“ zu sein, den Nächsten ebenso zu lieben. Zugegeben, manche Personen, die unter psychischen Krankheiten leiden, schätzen sich selbst oft sehr negativ ein (man beachte: oft sind Äußerungen über den eigenen depressiven Zustand aber auch Formen von Selbstliebe, da das Selbst in den Mittelpunkt gestellt wird und ständige Zuwendung durch Freunde/Therapeuten etc. fordert; Stichwort sekundärer Krankheitsgewinn). Aber für das gros der Bevölkerung gilt genau das Gegenteil: Wir lieben uns viel zu sehr. Uns zu predigen, wir sollten lernen uns selbst zu lieben hieße Eulen nach Athen zu tragen. Selbstüberschätzung ist das Kernproblem des Menschen, nicht -unterschätzung, wie allzu oft suggeriert. Erkenntnisse aus der Psychologie belegen das deutlich.

In der Psychologie beschreiben sog. Konsistenztheorien, dass Informationen dann als selbstbezogen enkodiert und zutreffend akzeptiert werden, wenn sie mit bereits gespeicherten selbstbezogenen Informationen übereinstimmen. D.h., wir lassen nur diejenigen Informationen an uns ran, die mit unserem Selbstbild übereinstimmen. Carl Rogers (1951) war der Auffassung, dass ein primäres Motiv des Menschen darin besteht, die Selbstwerteinschätzung zu erhöhen. Maslow (1954) beschritt einen ähnlichen Weg mit seinem Konzept der "self-actualisation". Psychologen konnten weiter zeigen, dass Individuen eine erhöhte Sensibilität für selbstrelevante Stimuli zeigen. Reize, die mit dem bestehenden Selbstkonzept übereinstimmen werden außerdem effizienter verarbeitet ("self-enhancement theory"). Darüber hinaus bewirken selbstrelevante Stimuli eine erhöhte Abruf- und Erinnerungswahrscheinlichkeit und schließlich widerstehen Individuen inkongruenter Information bzgl. ihrer Selbststruktur (Markus, 1977). Diese Vorgänge sind uns nicht immer bewusst, sie laufen implizit ab. Es ist doch faszinierend, dass die säkulare psychologische Forschung so detailliert aufzeigt, wie sehr das menschliche Selbst von Sünde durchdrungen ist. Der Mensch kann nicht anders (Hinweis auf Erbsünde?) als Informationen stereotyp selbstwertfördernd einzuordnen. Wir lieben uns zu sehr, sehen uns in einem zu guten Licht und sind durchdrungen von positiven Selbst-Illusionen (vgl. "positive self-illusions", Taylor & Brown, 1988).

Wie ist das pm Selbst aus christlicher Sicht zu bewerten?

Der Prophet Jeremia beschreibt das sündige Verhalten des pm Menschen:

"Denn zweifach Böses hat mein Volk begangen: Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten." (Jer 2,13).
Gott, als die einzige Quelle, die Sinn, Freude, Frieden und Leben in Fülle geben kann, wurde vom pm Menschen verlassen. Stattdessen hat er sich mit seinem Selbst eine rissige Zisterne gebaut. Dieses Zisternen-Selbst ist ausgehöhlt und durchlöchert, es kann kein lebensspendendes Wasser halten. Die Löcher der rissigen Zisterne „Selbst“ werden nur dann gestopft wenn Christus als Quelle hineinströmt. Dann ist nicht mehr das Selbst dominierend, sondern Christus, wie Paulus schreibt: "Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe; ich bin mit Christus gekreuzigt, 20 und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir;[…]" (Gal 2.19-20a). Das Christen-Selbst sieht von sich weg auf Christus (und auf den Nächsten!). Der Christ hängt als Rebe an Christus, dem lebenswichtigen Weinstock ohne den er nichts tun kann (vgl. Joh 15,5). Das Selbst des Christen geht auf in der Dreieinigkeit Gottes: "An jenem Tag werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch." (Joh 14.20, vgl. auch Joh 17.21). Das ist Leben. Leben in der Gemeinschaft des dreieinen Gottes. Dazu wurden wir Menschen geschaffen. Das dürfen wir schon jetzt, aber erst recht in der Ewigkeit genießen. Geben wir uns nicht mit unserem Selbst zufrieden, das schal und leer ist – strecken wir uns aus nach der Quelle, dem vor Reichtum überfließenden, überaus schönen, umwerfend großen, barmherzigen, gnädigen, allein befriedigenden, allein sättigenden Gott.

9.11.06

3. Ablehnung von Autoritäten

Der von Michael diagnostizierte Verlust objektiver Wahrheiten hat eine unmittelbare Konsequenz: Ablehnung von Autoritäten. Unmittelbar und geradezu logisch zwingend ist diese Konsequenz deshalb, weil mit der Leugnung einer objektiven Wahrheit notwendigerweise auch eine Person abgelehnt wird, die für sich in Anspruch nimmt, Träger oder Botschafter dieser Wahrheit zu sein.
Wir können einerseits eine "aktive" Ablehnung von Autorität feststellen, das heißt die Nichtakzeptanz von Personen, die mit einem Autoritätsanspruch auftreten, andererseits eine "passive" Ablehnung der Autorität, die sich darin zeigt, daß Personen, die Träger von Autorität sein sollten, nicht bereit oder in der Lage sind, diese Autorität auszuüben.

Die Implikationen der Ablehnung von Autorität beginnen beim Individuum selbst und setzen sich in konzentrischen Kreisen bis in die Politik fort:

1. Die Person
Jesus Christus nimmt mit seiner Aussage, die Wahrheit selbst zu sein (Joh 14,6) , das denkbare Höchstmaß an Autorität für sich in Anspruch. Wer diese Autorität bewußt ablehnt, kann keine Gottesbeziehung aufbauen, weil der einzige Weg zu Gott dem Vater über Jesus führt (ebda.). Wer keine Gottesbeziehung hat, lebt seiner schöpferischen Bestimmung zur Gottesebenbildlichkeit (1. Mose 1, 27) zuwider und ist folglich nicht in der Lage, sich selbst zu finden. Das heißt: Die Ablehnung der letzten und höchsten Autorität hindert den Menschen an einer gesunden Identitätsbildung.

2. Die Familie
Menschen, die mit sich selbst im Widerstreit stehen, tragen diesen Konflikt in ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Sicher ist der sog. antiautoritäre Erziehungsstil ein Kennzeichen der Postmoderne jedenfalls in ihrer frühen Phase.
Paulus ermahnt Kinder in Eph 6,1 zur Anerkennung elterlicher Autorität und Eltern in Eph 6,4 zur geistlich motivierten maßvollen Wahrnehmung von Autorität.
Heute ist die Erkenntnis, daß die aktive und passive Ablehnung von Autorität im Bereich der Familie gravierendste gesellschaftliche Auswirkungen hat, beinahe ein Gemeinplatz.

3. Die Gemeinde
Auch die christliche Gemeinde bleibt vor dieser Tendenz der Postmoderne nicht verschont. Gemeindeglieder werden an vielen Stellen aufgefordert, geistliche Autoritäten anzuerkennen (vgl. etwa Hebr 13,17); Paulus fordert seinen Schüler Timotheus in zwei Briefen auf vielerlei Weise auf, geistliche Autorität wahrzunehmen.
Wenn Gemeinde Jesu nicht als Leib (1 Kor 12) , sondern als basisdemokratische Versammlung ohne feste Strukturen mißverstanden wird, kann das für deren Selbstverständnis und missionarische Arbeit nicht ohne Auswirkungen bleiben.

4. Der Staat
In der Nachkriegszeit ist in den demokratischen Staaten Westeuropas und ganz besonders in Deutschland aus der Angst vor dem Machtmißbrauch eine Angst vor der Macht selbst geworden.
Die rechtsstaatlichen Verfassungen Europas enthalten heutzutage ein filigranes System gegenseitiger Machtbegrenzung und -kontrolle. Einerseits sind diese Schutzmechanismen wichtig und hilfreich, andererseits blockieren sie oft notwendige politische Entscheidungen und lähmen so die Dynamik der Regierungsarbeit.
Der Kern dieses staatsrechtlichen Problems hängt meines Erachtens auch mit der Ablehnung von Autorität zusammen.
Weltpolitisch hat Deutschland offenbar ein ernstes Problem mit der passiven Ablehnung von politischer Autorität, die sich etwa in der zögerlichen Übernahme einer Führungsrolle im Bereich der internationalen Konfliktbewältigung zeigt.
Eine zentrale und vieldiskutierte Stelle im Hinblick auf staatliche Autorität ist Röm 13,1 - eine Stelle, die zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer in einen langen quälenden Konflikt gestürzt hat und ihn an der geistlichen Legitimation von gewaltsamen politischen Widerstand hat zweifeln lassen.
Daß wir Bonhoeffers Konflikt ex post kaum nachvollziehen können, beweist möglicherweise nur, wie wenig wir über die geistliche Bedeutung politischer Autorität nachdenken.

Wir haben gesehen, daß die Ablehnung von Autorität fast alle Bereiche unseres Lebens beeinflußt. Autorität, lat. auctoritas, umfaßt Bedeutungen wie Vorbild, Gewicht, Ansehen, Vollmacht (vgl. Stowasser, Lat.-dt. Schulwörterbuch, s.v. auctoritas).
Biblisch begründete Autorität ist das Gegenteil von Meinungsdiktatur; sie wächst aus der Kraft eines authentischen, vorbildhaften (was nicht bedeutet: fehlerfreien!) Lebens.
Menschen, die zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit trachten (Matth 6,33), sind aufgerufen, ihre von Gott geschenkte Autorität wahrzunehmen. Unerläßliche Voraussetzung dafür ist, daß sie ihrerseits die über sie gesetzten Autoritäten anerkennen.

2. Kollaps objektiver Wahrheit? – subjektive Realitätskonstruktion

Die PM ist (angeblich) gekennzeichnet durch eine Absenz objektiver, ultimativer Wahrheit (so Derrida und Foucault). Wurde die Aufklärung noch durch die Pfeiler des Humanismus aufrechterhalten, so kollabiert jegliche Moral in der PM, so deren Vertreter. Ganz nach dem Motto: Der Tod Gottes (Nietzsche) zieht den Tod der Moral nach sich. Es wird folglich angenommen, dass es kein allgemein gültiges Fundament für Moral gibt. Konsequenterweise hat Kant’s kategorischer Imperativ als Maxime ausgedient. Vielmehr regiert in der PM scheinbar extremer Relativismus – Bloom hält fest: „Today we are a nation of relativists.“ (Allan Bloom zit. n. Wells, S.85). Das heißt, Wahrheit ist relativ für den Betrachter, für den die Wahrheit als wahr anerkannt wird. Relativismus geht schlussendlich einher mit radikalem Perspektivismus: „Reality is therefore always ambiguous and always demanding new appraisals“ (Wells, S.86). Nichts hat mehr Wert, Realität wird konstruiert: „Reality is fluid, changing, and always open“, kommentiert Wells.
Führt man diesen Relativismus zu seinen Wurzeln, so landet man bei bloßen Gefühlsurteilen. Das heißt, man kann nicht mehr sagen: „Die Alpen sind beeindruckend“ – die einzig mögliche Aussage im Relativismus reduziert sich zu: „Ich persönlich empfinde die Alpen als beeindruckend.“ Subjektive Gefühlsurteile substituieren allgemeingültige Aussagen. Analog kann man über ein Verbrechen nur die relative Aussage treffen: „Ich habe ein ungutes Gefühl darüber.“ Aber ohne absoluten moralischen Maßstab ist das Verbrechen nicht als unmoralisch zu bewerten. Als Jurist kann David hier vielleicht anknüpfen und die Einwirkungen des pm Relativismus auf die Legislative beschreiben.
Dennoch: Der Relativismus ist eine Luftblase. Denn Wahrheit bleibt Wahrheit – Wahrheit ist nicht relativierbar. Wer sagt, es gibt keine allgemeingültige Wahrheit, der lügt sich in die Tasche. Kinderschändung wird jeder pm Mensch verurteilen. Auf welcher Grundlage? Wenn doch alles relativ ist? Wenn alles relativ ist und die Wahrheit im Auge des Betrachters liegt, wie kann ein objektives Rechtssystem aufrechterhalten werden?
Hier spricht das Christentum deutlich in die Verwirrung pm Gedankenkonstrukte. Die Bibel liefert den Beleg für die Existenz allgemeingültiger und interindividuell invarianter moralischer Maßstäbe. Paulus schreibt: Denn wenn Nationen, die kein Gesetz haben, von Natur dem Gesetz entsprechend handeln, so sind diese, die kein Gesetz haben, sich selbst ein Gesetz. 15 Sie beweisen, daß das Werk des Gesetzes in ihren Herzen geschrieben ist, indem ihr Gewissen mit Zeugnis gibt und ihre Gedanken sich untereinander anklagen oder auch entschuldigen – (Röm 2,14-15). Das heißt: Kulturell und interindividuell übergreifend ist Menschen das Gesetz Gottes ins Herz geschrieben – sowohl bei den Aborigenes als auch auf Island wird Ehebruch verurteilt werden. Selbst säkulare, angeblich pm Journalisten sprachen im Rahmen der 9/11 Anschläge in den USA vom „Bösen“. Es gibt das Böse, das Unmoralische – die Frage ist nur, ob wir es anerkennen oder nicht. Es gibt Gott, der absolute Wertmaßstäbe festgesetzt hat in Seinem Wort – festgeschrieben in unserem Gewissen.
So wie die Naturgesetze von Gott festgesetzt sind und Wissenschaftler nichts anderes tun als Gott-gegebene physikalische Grundlagen zu entdecken, so gilt es, dass wir Gottes Gesetz in uns – und vor allem im Gott-gegebenen Wort entdecken. Absolute und allgemein gültige Moral zu leugnen wäre genauso albern wie die Schwerkraft in Frage zu stellen.
Der pm Relativismus entpuppt sich als eine leere Hülse, ein bloßes Gespenst. Schließlich sollten wir statt von einem Kollaps objektiver Wahrheit eher von einem Wissensschwund um unser christliches Fundament sprechen und von einem Nichteingestehen de facto Gewissens-immanenter, Gott-gegebener Moral im Menschen.

31.10.06

1. Konsumorientierung

Konsumorientierung ist ein zentrales Merkmal der Postmoderne. Der Mensch hat die Religion abgestreift, er geht nicht mehr in die Kirche sondern betet nun an im „Konsumtempel“. Amerikanische „Malls“ machen es vor und schwappen nach Europa, und auch nach Deutschland. Freizeit kann nun vollständig mit Konsum ausgefüllt werden. Der Alltag wird zu einer Welt des Konsums und ist im Sinn des pm Menschen nicht ein Ort, wo man möglicherweise seine Seele verlieren bzw., positiv ausgedrückt, wahres Leben finden kann. Pasolini führte in den 1970ern den Begriff des „Konsumismus“ ein, um diese Entwicklung in der westlichen Welt zu beschreiben. Der pm Mensch ist konsumhungrig, erliegt seinem Kaufraum und leidet oft unter Kaufzwang. Werbung kreiert Bedürfnisse, die der Verbraucher eigentlich nicht hat und leitet ihn fatalerweise in einen endlosen Kreislauf der „pursuits of wants“ (Wells, S.41) – “one product after another in a never-ending chain of purchase” (ibid.). Der pm Mensch definiert sein Selbst darüber, wie viel und was er konsumieren kann – und dadurch nach außen hin darzustellen vermag (Einfluss auf Selbstkonzept). Wells kommentiert anschaulich: „We move as nomads from one oasis to another, ever shopping and never stopping, defining ourselves only by what is present and by what can be purchased and experienced.“ (S.89).
Was sind die Ursachen? Es liegt auf der Hand, dass der Konsumismus eine Möglichkeit bietet, das innere Vakuum im postmodernen Menschen auszufüllen. Durch den Verlust absoluter Wahrheit ist der pm Mensch praktisch sinnentleert und folglich auf der Suche nach „Füllung.“ Konsum ist jedoch ein wenig probates Mittel um wahren Hunger nach Sinn und Bedeutung zu stillen. Der Hunger kommt wieder und wieder und ist schließlich unstillbar.
Demgegenüber steht Jesu Angebot in Johannes 10,10: Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluß haben. Jesus als das personifizierte Leben (Joh 1,4) ist die einzige Autorität die sinnstiftendes Leben geben kann. Allein Jesus als das Brot des Lebens kann unseren Hunger stillen (Joh 6,35). Jesus entlarvt die Oberflächlichkeit des Konsums. In Jesus ist qualitativ Leben vorhanden, von dem der pm Mensch nicht einmal träumt – unsere Aufgabe ist es, ihm es zu bringen.

25.10.06

Postmoderne I: Die Entwicklung zur Postmoderne

Über die kommenden Wochen/evtl. Monate hinweg würde ich gerne eine Reihe über die Postmoderne starten. Als dem Zeitgeist unterworfene Christen ist es vonnöten dass wir um unser Beeinflußtsein durch die postmoderne Kultur wissen und dementsprechend reagieren können. Implikationen sind breit gefächert insofern jede epochale Kulturströmung den ganzen Christen betrifft: Persönliche Andacht, Beruf, Familie, Gemeinde, Theologie. In den letzten Jahren entstand die Bewegung der emergent/emerging Gemeinden (v.a. Großbritannien, USA), die aktiv dem postmodernen Menschen begegnen. Hier gibt es viel zu lernen, zu überprüfen, Gutes zu übernehmen, Negatives zu hinterfragen.

Mein Vorschlag ist, dass wir zunächst die Entwicklung hin zur Postmoderne betrachten und anschließend verschiedene Merkmale analysieren – parallel dazu immer geistlich und praktisch-christlich bewertend.

Was ist die Postmoderne? Die Herausbildung einer postmodernen Gesellschaft.

Mit der Aufklärung streifte der Mensch die Religiosität des Mittelalters ab. Er strebte nach Freiheit; Freiheit von der überlieferten Tradition, Freiheit von Gott und von Autorität. Es wurde dafür plädiert, vom Menschen ausgehend Bedeutung zu konstruieren. “The place God had occupied was now occupied by the human being”, kommentiert Wells (S.31) in seiner sehr empfehlenswerten Bestandsaufnahme zur Postmoderne aus christlicher Sicht (Wells, D. F., 2005, Above all earthly pow'rs - Christ in a postmodern world. Grand Rapids, Michigan: William B. Eerdmans Publishing Company). Jedoch, entgegen dem aufklärerischen Gedanken hin zu einer Optimierung des Menschen erlebte die Menschheit im 20. Jahrhundert mehr Blutvergießen als jemals zuvor. Durch die Weltkriege fiel die Aufklärung in sich zusammen, sie hatte zuviel versprochen.
Philosophen diskutieren, ob wir uns nun in der Moderne befinden, oder in der Postmoderne, bzw. ob ein Konzept der Postmoderne gar seine Berechtigung hat. Fakt ist, dass wir uns in einer post-aufklärerischen Phase befinden. Ob die Postmoderne nur eine Form der Moderne oder eine eigenständige Entität bildet wird man sicher erst im Nachhinein dokumentieren können. Für unsere Zwecke etikettieren wir den kulturellen status quo als postmodern. Der Begriff “postmodern” als solcher wurde zunächst in der Architektur gebildet (1970er) und als Zeitgeist-beschreibendes Konzept von Lyotard eingeführt (The Postmodern Condition).
Kurz gefasst ist das Credo der Postmoderne: Es gibt keine absolute Wahrheit. Alles ist relativ (vgl. Einstein’s Relativitätstheorie). Der Mensch konstruiert existentialistisch sein Selbst, seine Umwelt, seine Wahrheit und Realität.

Die folgenden Beiträge werden wie angekündigt, spezifische Merkmale der Postmoderne herausstellen und zur Diskussion anregen, sofern Interesse zur Vertiefung besteht.

18.10.06

Glauben III: Glauben und Schauen

Wir hatten uns schon Gedanken über die Beziehung zwischen Glauben und Verstehen gemacht. Vielleicht können wir noch einen anderen Aspekt beleuchten: Wie verhält sich Glauben und sinnliche Wahrnehmung, insbesondere Sehen?
Mir scheint, daß die beiden Begriffe in der Bibel häufig einander antithetisch gegenüberstehen, wobei Glauben eine dem Schauen gegenüber "höhere" Erkenntnisform ist.
Beispiele: Jesus sagt zu Thomas "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" (Joh 20,29); Samuel wird vor seiner Mission bei Isai von Gott ermahnt: "Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an" (1Sam 16,7).
Andererseits begegnet uns die Verheißung des "Schauens" als die Erfüllung dessen, was wir geglaubt haben, etwa Jesus zu Marta: "Habe ich Dir nicht gesagt: Wenn Du glaubst, wirst Du die Herrlichkeit Gottes sehen?" (Joh 11,40); oder die Seligpreisung in Matthäus 5,8: "Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen".
Schließlich ist mitunter die Rede davon, daß der Prozeß des Schauens uns selbst verändert (insb. 2Kor 3,18: wir werden dadurch verwandelt in sein Bild) und deshalb an sich erstrebenswert ist, ja in gewisserweise sogar das Ziel schlechthin bedeutet: "Wir werden Ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie Er ist" (1Joh 3,2).

Haben wir es also mit verschiedenen Begriffen von Schauen zu tun? Oder ist entscheidend, was wir schauen?
Können wir vielleicht so abgrenzen, daß das im Gegensatz zum Glauben stehende Schauen ein irdisches ist, und das positive, vervollkommnete Schauen nur mit den "erleuchteten Augen des Herzens" (Eph 1,18) möglich ist?

11.10.06

Nocheinmal "Glauben": Abraham

Unsere Betrachtungen über das Wesen des Glaubens verdienen es, mit dem Glauben des absolut krassen Glaubenshelden Abraham illustriert und fundiert zu werden:
In Genesis 15,6 lesen wir: Und er glaubte dem HERRN; und er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.
Dieser Satz ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Es handelt sich hier um einen Kommentar des Erzählers – das sticht insofern heraus, als sich der Erzähler in Genesis nur sehr selten mit Kommentaren zu Wort meldet. Wir erhalten hier eine Information, die uns allein aus der Geschichte heraus nicht zugänglich wäre – es ist, weiterhin, die erste biblische Erwähnung von „Glauben“.
Das im hebräischen benutzte Verb für „glauben“ (aman), bedeutet u.a. unterstützen, sicheres Fundament, zuverlässig, treu. Das heißt, Abraham erlebte Gott als eine zuverlässige Stütze, einen reliablen Grund. Abraham versicherte sich selbst in JAHWEH als Person. Meredith Kline weist darauf hin, dass der Gebrauch des Wortes „aman“ im „delocutive“ ist, d.h., Abraham sagte praktisch „AMEN“ (gleiche Wurzel) zu Gottes Verheißungen. Abraham kommentierte Gottes großartige Versprechen mit einem kräftigen „So sei es, AMEN.“ Das ist Glaube.
Glaube bedeutet daher in seiner Essenz das für wahr zu halten, dem zu vertrauen, was Gott in Seinem Wort verheißen hat und dementsprechend zu handeln (man beachte Abrahams Glaubensgehorsam in Gen 22,6).

Das Westminster Bekenntnis formuliert folgendermaßen (Artikel 14.2):

„Wegen der Autorität Gottes, der darin spricht, hält ein Christ durch diesen
Glauben für wahr, was auch immer im Wort geoffenbart ist und handelt danach auf verschiedene Art und Weise, je nachdem, was die einzelnen Schriftstellen
beinhalten; so leistet er den Geboten Gehorsam, nimmt mit Erschrecken die Drohungen wahr und ergreift die Verheißungen Gottes für dieses und das zukünftige Leben. Der aktive, rettende Glaube gewinnt seine wichtigste Bedeutung darin, dass er Christus annimmt, ihn aufnimmt und in ihm allein zur Rechtfertigung, Heiligung und zum ewigen Leben aufgrund des Gnadenbundes Ruhe findet.“

Literatur: vgl. M.G. Kline, "Abram's Amen" WTJ 31 (1968): 1-11.

4.10.06

Antwort: Unsere Berufung erkennen

Ein höchst spannendes Thema, und welchen Christen treibt es nicht um!
In der Tat: Die Bibel bietet da nicht immer direkte Führung an; vielmehr verdeutlicht sie oft nur, daß wir diese Führung brauchen. Nehmen wir nur 2. Petrus 1, 10: Wie sollen wir unsere Berufung festmachen, wenn wir sie nicht kennen? Dort ist das Spannungsfeld.

Ich habe das Thema vor ein paar Wochen mit Pastor Lee Powell erörtert. Dabei habe ich gelernt: Je weiter man die Frage zuspitzt, desto schwieriger wird es mit den althergebrachten "geistlichen Hausmitteln".
Beginnen wir zum Beispiel mit der "open-door-Theorie", der Klassiker. Natürlich, wir schauen, wo sich Türen öffnen, um durch sie hindurchzugehen. Was aber, wenn sich zwei Türen gleichzeitig öffnen? Welche nehmen wir? Oder die Tür schlägt in dem Moment zu, wo wir hindurchgehen wollen. Heißt das, wir haben die falsche genommen?
Ein anderes Bild: Die Wegkreuzung. Natürlich, wir gehen erst nach rechts oder links, wenn Gott es uns sagt, ansonsten eben geradeaus. Was aber, wenn es nur rechts oder links gibt? Zunächst bleiben wir stehen, aber wie lange können wir das? Irgendwann müssen wir in die eine oder andere Richtung gehen, und wir können darauf vertrauen, daß es die richtige ist - aber wie schnell beginnen wir zu zweifeln, wenn es um uns herum dunkel wird!

Was die vier Schritte von Principal Macleod betrifft:
Der Dreiklang Leitung durch die Schrift - geheiligter Verstand (abstrakt) - common sense (konkret) ist klar. In sehr vielen Fragen, besonders den "alltäglichen Belangen", wird uns das sehr weit bringen. Aber je weiter wir in unsere Berufung (so wir sie denn kennen) hineinwachsen, desto mehr werden wir Situationen erleben, in denen wir trotz Beachtung dieses Dreiklanges noch nicht klüger werden. Wir haben ein Problem logisch erörtert, umbetet, den Rat von Freunden eingeholt - und die Fragen bleiben. Der Grund dürfte sein: Da Schwierigkeiten im "Irdischen" ein Mittel sind, die Gottesbeziehung zu intensivieren, nehmen sie zu. Neben den "grünen Auen" (Psalm 23, 2) gewinnen die "finsteren Täler" (Vers 4) an Bedeutung. Je weniger wir aber selbst das Licht sehen, desto wichtiger wird das unmittelbare Erlebnis der Zuwendung Gottes: "Ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir." Auf das Entscheidungsproblem übertragen bedeutet das meines Erachtens: Je weniger wir die Fragen verstandesmäßig beantworten können, desto mehr sind wir darauf angewiesen, daß Gott unmittelbar zu uns spricht. Dabei gilt es natürlich festzuhalten, daß sich dieses Reden niemals erzwingen, immer nur erwarten läßt.
Aber hier kommen wir nun zum vierten Schritt: Warum sollte prophetische Rede kein Mittel sein, um uns den Willen Gottes zu offenbaren? Die Vorsicht, die hier geboten ist, muß meiner Meinung nach genauso auf die Punkte 1-3 angewandt werden.
Die Frage: Wie gehen wir mit dem um, was uns von Gott anvertraut ist? stellt sich doch in jedem Bereich unseres Lebens.
Sicher ist prophetische Rede ein ganz besonders sensibler Bereich, in dem sehr viel Mißbrauch getrieben wird. Das sollte uns aber nicht aus dem Blick vertreiben, daß Gott gerade auch durch dieses Instrument zu Menschen sprechen kann - jedenfalls können wir das nicht leugnen, ohne Paulus' Ausführungen in 1. Korinther 14, 1 ff. zu vernachlässigen.
Wir sollen alles prüfen, das gilt für Prophetien genauso wie für jede Predigt.
"Es gibt keine Propheten mehr, die bindend Autorität haben" - dem kann ich uneingeschränkt zustimmen in dem Sinne, daß sich jedes prophetische Wort an der geoffenbarten Schrift messen lassen muß und also falsche Prophetie ist, wenn sie der Bibel widerspricht. Die Aussage ist mir aber zu kategorisch, wenn damit verneint werden soll, daß Gott Menschen befähigt, anderen Menschen konkrete Dinge in seinem Auftrag mitzuteilen.
Ich bin davon überzeugt, daß wir das nicht leugnen können, ohne 1. Korinther 12, 10 für nicht mehr oder nicht mehr uneingeschränkt anwendbar zu erklären - womit wir den Vorwurf gegen jene, die an der göttlichen Autorität der Bibel zweifeln, gegen uns selbst gekehrt sähen...
Prophetie ist meines Erachtens keine Frage von "charismatisch" oder nicht. Die Gaben des Heiligen Geistes sind potentiell in jeder Gemeinde anzutreffen, die Jesus Christus in den Mittelpunkt stellt. Menschen, die von Gott einen prophetischen Auftrag bekommen haben, werden mit ihrer Gabe zurückhaltend umgehen - ihr Reden wird niemals darauf abzielen, andere zu manipulieren; sie werden demütig und bescheiden auftreten und keinen Anspruch darauf erheben, Recht zu haben.
Eine unbiblische Handhabung der prophetischen Gabe entwickelt eine zerstörerische Kraft für den einzelnen und die Gemeinde, schlimmer als andere Phänomene. Aber wo sie unter der Herrschaft Jesu Christi als des Herrn der Gemeinde steht (und das sollten ja alle Bereiche des geistlichen Lebens!) , kann sie denen eine sehr wertvolle Hilfe sein, die konkrete Wegweisung von Gott erbitten.

Wie erkenne ich meine Berufung?

Principal Macleod ging in seiner heutigen Vorlesung auf eine Frage ein, die uns in der Praxis ständig begegnet: Wie erkenne ich meinen Weg? Sprich: Woran erkenne ich, ob Gott möchte, dass ich in den pastoralen Dienst einsteige oder ob ich als Missionar nach Uganda gehen soll? Die Frage können wir auch bei scheinbar weniger wichtigen Dingen stellen.

Macleod wies darauf hin, dass uns die Bibel in solchen Fragen nicht immer direkte Führung anbietet. Die Bibel sagt uns nicht, wen wir heiraten sollen, welches Auto wir kaufen sollen oder ob wir in ein anderes Wohngebiet umziehen sollen. Wir Menschen verlangen immer Sicherheit, wir wollen genau wissen, wo es langgeht.

Wie sollen wir vorgehen?

1. Wir lassen uns von der Schrift leiten. Das Wort Gottes bietet generelle Leitlinien an, die auf unseren Alltag heruntergebrochen werden können. Das heißt, wir werden bspw. keinen Beruf wählen, der uns zwingt, zu lügen oder zu stehlen. Leitung durch die Bibel. Wir bekommen viele Antworten, indem wir die Bibel studieren, reflektieren und meditieren.

2. Gott wohnt durch Seinen Geist in unserem Verstand – insofern ist es wohl – um es in Rüger’scher Terminologie auszudrücken, ein „geheiligter Verstand“. Und dadurch sind wir per se geleitet und dürfen uns von Gott als geführt wissen.

3. Aus dem vorigen Punkt ergibt sich zwingenderweise: Benutzen wir unseren geheiligten, “gesunden” (durch Christus!) Menschenverstand (Macleod: „common sense“). Das heißt, geht es um die konkrete Frage, soll ich in den vollzeitlichen Dienst gehen, so frage ich mich: Habe ich ein Verlangen danach? Habe ich die Gaben? Was sagen meine Freunde, Verwandten? Ist es meiner Familie zumutbar? Wie denkt meine Gemeinde darüber? Gott hat uns unseren gesunden Menschenverstand gegeben, sodass wir praktisch uns einer Entscheidung nähern können und sie dann auch treffen können.

4. Macleod schloss übernatürliche Phänomene nicht aus. Es kann sein, dass wir auf geistlicher Ebene Eindrücke erhalten (z.B. im Gebet), die uns anleiten. Vorsicht ist jedoch geboten bei charismatischen „Propheten“ denken, sie hätten eine Eingebung Gottes die angeblich auf uns zuträfe. Es gibt keine Propheten mehr, die bindend Autorität haben.

Soweit meine Notizen – gibt es weitere Kriterien, die man hinzufügen könnte?

2.10.06

Antwort auf "Glaube als geheiligter Verstand"

Meiner Ansicht nach ist Spurgeon hier etwas zu logisch, zu rational. Glaube beinhaltet sicher weit mehr als Verstand (und darüber war sich Spurgeon natürlich klar). Glaube besteht aus mehreren Komponenten. Zum einen aus Wissen (notitia, vgl. Römer 10,14), weiterhin aus Glauben (assensus, Lasst euch überzeugen!) und Vertrauen (fiducia, Mt 11,18 ). Der Gegenstand des Glaubens (Wort Gottes, Dreieiner Gott) ist mit diesen Komponenten zu ergreifen, würde ich sagen – wobei Glaube per se immer ein Geschenk Gottes bleibt (Eph 2,8). Um die Diskussion etwas auszuweiten möchte ich gerne Karl Barth ins Spiel bringen. Barth versteht unter Glauben: einen Gemeinschaftsaspekt und einen Wissensaspekt. Ich zitiere (leider besitze ich nur engl.sprachige Ausgabe):
  • „Christian faith ist he gift of the meeting in which men become free to hear the word of grace which God has spoken in Jesus Christ in such a way that, in spite of all that contradicts it, they may once for all, exclusively and entirely, hold to His promise and guidance.” (Karl Barth, Dogmatics in Outline, 7).
  • “Christian faith is the illumination of the reason in which me become free to live in the truth of Jesus Christ and thereby to become sure also of the meaning of their own existence and of the ground and goal of all that happens.” (Karl Barth, Dogmatics in Outline, 14).

Glaube als geheiligter Verstand

Als Ausgangspunkt für unseren Zirkel würde ich gern das Verhältnis von Glaube und Verstand zum Thema machen - mit einer prägnanten Aussage von C.H. Spurgeon:

"Einige Leute meinen, wenn man Glauben hätte, könnte man wie ein Narr handeln. Aber der Glauben macht einen Menschen weise. Es ist einer der bemerkenswertesten Punkte beim Glauben, daß er geheiligter, gesunder Verstand ist. Er ist nicht Fanatismus. Glauben heißt, Gott zum größten Faktor in unseren Berechnungen machen und dann nach der gesündesten Logik rechnen."

1.10.06

Eröffnung des theologischen Zirkels

Spiritualität, Theologie, Fragen, Antworten, Kommentare, Diskussionen - in Zukunft auf dieser Seite.