Wir hatten uns schon Gedanken über die Beziehung zwischen Glauben und Verstehen gemacht. Vielleicht können wir noch einen anderen Aspekt beleuchten: Wie verhält sich Glauben und sinnliche Wahrnehmung, insbesondere Sehen?
Mir scheint, daß die beiden Begriffe in der Bibel häufig einander antithetisch gegenüberstehen, wobei Glauben eine dem Schauen gegenüber "höhere" Erkenntnisform ist.
Beispiele: Jesus sagt zu Thomas "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" (Joh 20,29); Samuel wird vor seiner Mission bei Isai von Gott ermahnt: "Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an" (1Sam 16,7).
Andererseits begegnet uns die Verheißung des "Schauens" als die Erfüllung dessen, was wir geglaubt haben, etwa Jesus zu Marta: "Habe ich Dir nicht gesagt: Wenn Du glaubst, wirst Du die Herrlichkeit Gottes sehen?" (Joh 11,40); oder die Seligpreisung in Matthäus 5,8: "Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen".
Schließlich ist mitunter die Rede davon, daß der Prozeß des Schauens uns selbst verändert (insb. 2Kor 3,18: wir werden dadurch verwandelt in sein Bild) und deshalb an sich erstrebenswert ist, ja in gewisserweise sogar das Ziel schlechthin bedeutet: "Wir werden Ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie Er ist" (1Joh 3,2).
Haben wir es also mit verschiedenen Begriffen von Schauen zu tun? Oder ist entscheidend, was wir schauen?
Können wir vielleicht so abgrenzen, daß das im Gegensatz zum Glauben stehende Schauen ein irdisches ist, und das positive, vervollkommnete Schauen nur mit den "erleuchteten Augen des Herzens" (Eph 1,18) möglich ist?
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
1 Kommentar:
Sicher ist Rüger Recht zu geben wenn er verschiedene Formen des „Schauens“ unterscheidet. Zum einen haben wir das wahrnehmungsbezogene visuelle „sehen“. Die Menschen vor 2000 Jahren sahen Jesus und seine Zeichen und Wunder mit diesem Sinn. Es gibt jedoch eine weitere Form des Sehens; eine, die mit Glauben in Verbindung zu bringen ist und im Herzen angesiedelt ist (Eph 1,18: „Augen des Herzens“). Diese Art des Sehens ist insofern auf einer höheren Stufe angesiedelt als sie dem visuellen Sehen überlegen ist. Jesus als Person und seine Taten waren damals für jedermann visuell sichtbar, doch nur die eine Hälfte der Menge sah und glaubte, die andere sah zwar, blieb aber geistlich blind und ungläubig. Damals wie heute ist ein geistliches Sehen vonnöten. Dieses Sehen wird ausschließlich durch das Werk des Heiligen Geistes im menschlichen Herz möglich – nur der Geist kann Augen des Herzens öffnen und Rezeptoren für die Herrlichkeit Christi (das eigentliche „Objekt“ geistlichen Sehens; vgl. Joh 1,14) schaffen. Man könnte dies weiterspinnen und annehmen, dass der geistliche Nervenstrang, der die Augen des Herzens mit dem Sehzentrum des Herzens verbindet, Glauben darstellt. Christen haben erneuerte, geistliche Augen – durch Gott geschenkten Glauben sind sie zusätzlich befähigt, mit diesen Augen die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi wahrzunehmen (2 Kor 4,6). Wenn Gott dies durch den Geist wirkt, so können wir uns wie David an Gott „satt sehen“: Ich aber will in Gerechtigkeit dein Angesicht schauen, mich satt sehen an deiner Gestalt, wenn ich erwache. (Ps 17,15). Gott mit geistlichen Augen sehen bedeutet daher, Christi Herrlichkeit und Schönheit im Evangelium glaubend zu erkennen und zu genießen. Der Gott-Genießer Jonathan Edwards bemerkt treffend: “Es ist für die menschliche Seele ein wahrhaft glücklich machendes Ding, Gott zu sehen.“
Kommentar veröffentlichen