Effizienzstreben gehört, wie Michael ausführlich dargelegt hat, genauso zu den wichtigen Merkmalen der Postmoderne, und ganz sicher schadet in allen Lebensbereichen auch ein "Zuviel".
Wir könnten uns allerdings fragen: Gibt es Effizienz als Selbstzweck überhaupt? Verfolgen Menschen, die einem Rationalisierungswahn verfallen sind (vgl. Michaels anschauliche Beispiele!), Effizienz tatsächlich "as an end in itself"? Oder verbirgt sich hinter dem Streben nach der scheinbar reinen Effizienz nicht doch ein anderer, verwerflicher Zweck? Ein solcher könnte sein: "der Mammon"; Herrschaft über andere; Selbstbestätigung...
Aber wie wir das Phänomen auch genau bezeichnen - wir müssen, glaube ich, der von Michael angeschnittenen Frage nachgehen, inwieweit Effizienzgedanken in der Gemeinde-, Missions- und Evangelisationsarbeit eine Rolle spielen dürfen.
Ich möchte hier das Problem einmal von der Rückseite beleuchten und fragen: Gebietet uns das Gleichnis von den anvertrauten Talenten (Mt 25, 14 ff) nicht geradezu einen möglichst effizienten Einsatz aller Mittel?
War Paulus' Grundsatz, "allen alles" zu werden, um einige zu erretten (1 Kor 9,22) , nicht Ausdruck eines gewissen Effizienzdenkens im Dienste des Evangeliums?
„It is very easy to build churches in which seekers congregate; it is very hard to build churches in which biblical faith is maturing into genuine discipleship.“ (Wells, S.119). Sicher hat Wells recht. Aber heißt das, daß wir das erste nicht tun sollten, weil es leichter ist?
Ich sehe natürlich wie Michael das Problem von Megachurches, die viele Menschen anziehen, aber theologischen Tiefgang vermissen lassen. Und ich stelle auch nicht in Frage, daß wir in den Gemeinden lieber "theologisches Schwarzbrot" als "Bibel-Fast-Food" (Michael) servieren sollten. Dennoch habe ich in diesem Zusammenhang zwei Fragen (auf die ich übrigens selbst keine Antwort weiß):
1. Dürfen wir das Evangelium nur predigen, wenn wir im "Erfolgsfall" auch eine hinreichende geistliche Anschlußversorgung gewährleisten können?
2. Ist es nicht besser, die Leute fast food essen zu lassen, bevor sie hungern? Könnte es nicht sein, daß die Leute das fast food nach einer Zeit von ganz allein satt haben und nach dem Schwarzbrot verlangen? Jedenfalls verläuft offenbar ein normaler geistlicher Wachstumsprozeß von Flüssignahrung zu fester Speise (Hebräer 5, 13 f.), und das Problem scheint vor allem darin zu liegen, daß Menschen zu lange in der "Milchphase" verweilen.
Es fragt sich, ob wir solche Entwicklungen wie Mega-Churches nicht stehen lassen können, ohne uns die betreffende Strategie selbst zu eigen zu machen. Vielleicht können wir etwas von der Gelassenheit des Paulus lernen, der sich sogar freuen konnte, wenn Leute das Evangelium predigten, um ihm "Bedrängnis zu erwecken" (Phil 1,18 nach Elb.).
"Wir brauchen keine neuen Methoden." Das scheint mir insoweit richtig, als der Glaube nach wie vor aus der Predigt kommt (Röm 10,17). Und wir brauchen ganz sicher kein neues Evangelium. Aber für die Frage, wie wir das alte und immer aktuelle Evangelium predigen, ließe sich doch vielleicht behaupten: Neue Zeiten brauchen neue Ideen!
War nicht Paulus für seine Zeit ein geradezu postmoderner Prediger? Würde seine Rede auf dem Areopag (Apg 17, 22 ff.) nicht jeden anständigen Evangelikalen zu einem skeptischen Naserümpfen verleiten? Geht die Botschaft da nicht gefährlich nahe in Richtung Religionsvermischung/Einheitsbrei (V.23) und Pantheismus (V. 28)?
Oder denken wir an die Unverfrorenheit Martin Luthers, die Heilige Schrift in die Sprache des Pöbels zu übersetzen!
Ich meine, daß uns das postmoderne Kommunikationszeitalter vor neue Herausforderungen stellt, die wir nicht ignorieren dürfen. Eine davon - darauf wurde ich kürzlich hingewiesen - ist die Entkoppelung von Wortverkündigung und Gemeinschaft der Gläubigen; ein vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbarer Vorgang. Es ist heute ohne weiteres denkbar, sich durch Kommunikationsmedien geistlich-theologisch zu versorgen, ohne in eine christliche Gemeinschaft eingebunden zu sein. Die Gefahr: Individualisierung des Christseins. Die Chance: Wir erreichen Menschen, die den Schritt in die Gemeinde nicht gehen würden. Und wir können Kontakte in der Gemeinde auch über große Distanzen hinweg bauen und pflegen.
Wir sollten die Chance nutzen. Ein Weg dazu ist dieser Blog...
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