28.11.06

6. Effizienz als Selbstzweck und Pragmatismus

Pragmatismus und das Streben nach Effizienz sind weitere wichtige Merkmale der Postmoderne.

Besonders wir Deutsche sind weltbekannt dafür, Effizienz zu optimieren. Der deutsche Satz, den bspw. jeder Brite kennt, stammt aus der Audi-Werbung: „Vorsprung durch Technik“ (O-Ton: „Vospung durk Teknik“). Effizienz in gesundem Maße angewandt ist gut und richtig. Doch überzogene Effizienz, bzw. Effizienz als Selbstzweck wirkt sich problematisch aus.

Überzogenes Effizienzstreben auf Seiten der Unternehmen wirkt sich nachteilig auf die Angestellten aus. Dies spiegelt sich in den „Unworten“ wieder, die jährlich von einer Kommission gewählt werden. So ist beschreibt „Outsourcing“ als Unwort des Jahres 1996 euphemistisch den Abbau von heimischen Arbeitsplätzen und deren Verlagerung (meist ins billigere Ausland). Das Individuum arbeitet nicht mehr als Angestellter, sondern nennt sich inzwischen auf „börsianisch“ „Ich-AG“ (Unwort des Jahres 2002). Der Begriff „Humankapital“ (Unwort des Jahres 2005) deutet an, dass Individuen zu ökonomischen messbaren Größen degradiert werden. Der Mensch muss sich der angestrebten Unternehmenseffizienz anpassen und unterordnen.

Die Auswirkungen auf das soziale Gefüge in unserem Land sind offensichtlich. Der Arbeitnehmer als „human resource“ wird ausgenutzt oder wegrationalisiert. Bewerber für Arbeitsplätze durchlaufen komplizierte Assessment-Center Prozeduren mit 360° Interviews; sie werden durchleuchtet, wie ein Auto vor der Endabnahme. Die wachsende Zahl von Unternehmensfusionen erschwert die Arbeit sozialer Regulatoren wie Gewerkschaft-/Betriebsrat. Mit Zunahme der Effizienz als Selbstzweck sinkt i.d.R. proportional die soziale Ethik: Arbeitsplätze werden dem angestrebten Börsenwert des Unternehmens untergeordnet – und trotz Gewinnzunahme erfolgt der „Abbau“ vieler Arbeitsplätze (siehe Siemens/Benq und Allianz in jüngster Vergangenheit). Demgegenüber entwickeln sich paradoxerweise die Vorstandsgehälter in großen Unternehmen inflationär.

Doch nicht nur in der säkularen Gesellschaft nimmt der Faktor „Effizienz“ als Selbstzweck ständig zu – auch in der Gemeinde schleicht er sich ein.

Diesbezüglich beobachtet David Wells die Entwicklung in der amerikanischen Gemeindelandschaft folgendermaßen: „The demands of efficiency, and the rational, impersonal workings of bureaucracy, are so much a part of who we have become that many of us also want our churches to have the feel of a smoothly run corporation.“ (Wells, S.23). Die Gemeinde wird zum Unternehmen, das effizient geführt werden muss.

Der „Erfolg“ einer Gemeinde wird nicht mehr am Maßstab des Wortes Gottes gemessen, sondern an Effizient, an nackten Zahlen. Deutsche evangelikale Denominationen blicken voller Neid auf die (angebliche) „Effizienz“ von amerikanischen „Megachurches“. Man kopiert emsig deren Gemeindestruktur, Strategien und Taktiken um möglichst viele „Seeker“ in die eigene Gemeinde zu schleppen (dabei wird übersehen, dass die amerikanische Kultur von der europäischen vollkommen verschieden sind; vielleicht funktionieren deshalb Megakirchen in Europa bisher nicht).

Das Problem besteht darin, dass angeblich effiziente Sucher-Gemeinden (Seeker-sensitive, how-to-churches) zwar auf geschickte Weise Menschen in die Kirche locken, aber dann oft keine Theologie als festes Fundament aufweisen. Allzu oft geht es nicht um Wahrheit, nicht um Konfrontation mit dem Wort Gottes. De facto widerspricht biblische Wahrheit radikal der Postmodernen Kultur wie wir anhand der vorigen Beiträge bereits festgestellt haben. Das Kreuz Christi erzeugt Ablehnung oder Aufstand, wenn es gepredigt wird (1 Kor 1,23). Doch zieht man diese Botschaft ab, kann man problemlos Gemeinden füllen bestehend aus netter Gemeinschaft, Hauskreisen mit Kaffee und Kuchen, Freizeitparks etc. David Wells bemerkt in diesem Zusammenhang: „It is very easy to build churches in which seekers congregate; it is very hard to build churches in which biblical faith is maturing into genuine discipleship.“ (Wells, S.119). Recht hat er. Principal Macleod erklärte uns angehenden Pastoren neulich im Unterricht: „We are not called to fill churches, we are called to preach the truth.“ (Vorlesung in Systematischer Theologie, Free Church College, Edinburgh). Das haben viele von uns verlernt. Zu leicht lässt man sich vom „Erfolg“ anderer, großer Gemeinden blenden und ist bereit theologisch-biblisch Kompromisse einzugehen des angestrebten „Erfolgs“ wegen. Wenn Pragmatismus vor Wahrheit geht, führt das unsere Gemeindelandschaft in die Oberflächlichkeit. Man braucht nur einmal einen Blick in die evangelikale Zeitschriften-Landschaft zu werfen, um die Verwässerung zu schmecken. Nach Substanz, tiefgründiger, herrlicher Wahrheit sucht man vergebens. Wells bemerkt: „This leads, for example, to books on spirituality that read like the owner’s manual for operating a machine, replete with steps, easy-to-follow directions, and practical „how-to-do-it“ formulae. In so reducing the greatness of God and of his truth to formulae and rational steps, this mindset makes of Christian faith a small, this-wordly, manageable formula for success […]” (Wells, S.36).

Dies sollte uns nachdenklich stimmen. Wir schwimmen an der Oberfläche und tauchen nicht mehr ein in die Tiefe des Reichtums des Wortes Gottes. Unsere Wurzeln reichen nicht mehr ausreichend tief in Gottes Wort und wir werden „hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre“ (Eph 4,14). Wir simplifizieren, wir bevorzugen kurze, einfache, wohltuende Predigten, wir bevorzugen Gemeinschaft gegenüber dem Wort Gottes, wir haben eine Aversion gegen das Studium längerer, evtl. schwieriger Bibeltexte.

Paulus schreibt in seinem Brief an die Epheser:

„Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, 12 zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi, 13 bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi.“ (Eph 4,11-13)

Das ist unsere Aufgabe: Die Heiligen auszurüsten – nicht mit Bibel-Fast-Food sondern mit theologischem Schwarzbrot. Christen werden niemals mit postmodernen Gemeindestrategien zur „Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi“ gelangen. Das wird nur durch eine radikal Bibel-fundierte und Bibel-orientierte „Ernährung“ gelingen.

Wir brauchen keine neuen Methoden. Wir pfeifen auf Effizienz und Pragmatismus als Selbstzweck. Was wir brauchen ist eine Rückbesinnung auf das Wort Gottes, Christus:

„Denn ich nahm mir vor, nichts anderes unter euch zu wissen, als nur Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt.“ (1 Kor 2,2)

Das ist wahre Effizienz. Das Kreuz allein ist effizient, ist allein wirksam jeden zu retten der glaubt.
Wir brauchen eine neue Reformation. Die evangelikale Gemeinde in Deutschland muss sich radikal reformieren, ansonsten wird sie sich so sehr verdünnen, dass selbst der eingefleischteste Homöopathiker ins Staunen gerät.

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