4.10.06

Antwort: Unsere Berufung erkennen

Ein höchst spannendes Thema, und welchen Christen treibt es nicht um!
In der Tat: Die Bibel bietet da nicht immer direkte Führung an; vielmehr verdeutlicht sie oft nur, daß wir diese Führung brauchen. Nehmen wir nur 2. Petrus 1, 10: Wie sollen wir unsere Berufung festmachen, wenn wir sie nicht kennen? Dort ist das Spannungsfeld.

Ich habe das Thema vor ein paar Wochen mit Pastor Lee Powell erörtert. Dabei habe ich gelernt: Je weiter man die Frage zuspitzt, desto schwieriger wird es mit den althergebrachten "geistlichen Hausmitteln".
Beginnen wir zum Beispiel mit der "open-door-Theorie", der Klassiker. Natürlich, wir schauen, wo sich Türen öffnen, um durch sie hindurchzugehen. Was aber, wenn sich zwei Türen gleichzeitig öffnen? Welche nehmen wir? Oder die Tür schlägt in dem Moment zu, wo wir hindurchgehen wollen. Heißt das, wir haben die falsche genommen?
Ein anderes Bild: Die Wegkreuzung. Natürlich, wir gehen erst nach rechts oder links, wenn Gott es uns sagt, ansonsten eben geradeaus. Was aber, wenn es nur rechts oder links gibt? Zunächst bleiben wir stehen, aber wie lange können wir das? Irgendwann müssen wir in die eine oder andere Richtung gehen, und wir können darauf vertrauen, daß es die richtige ist - aber wie schnell beginnen wir zu zweifeln, wenn es um uns herum dunkel wird!

Was die vier Schritte von Principal Macleod betrifft:
Der Dreiklang Leitung durch die Schrift - geheiligter Verstand (abstrakt) - common sense (konkret) ist klar. In sehr vielen Fragen, besonders den "alltäglichen Belangen", wird uns das sehr weit bringen. Aber je weiter wir in unsere Berufung (so wir sie denn kennen) hineinwachsen, desto mehr werden wir Situationen erleben, in denen wir trotz Beachtung dieses Dreiklanges noch nicht klüger werden. Wir haben ein Problem logisch erörtert, umbetet, den Rat von Freunden eingeholt - und die Fragen bleiben. Der Grund dürfte sein: Da Schwierigkeiten im "Irdischen" ein Mittel sind, die Gottesbeziehung zu intensivieren, nehmen sie zu. Neben den "grünen Auen" (Psalm 23, 2) gewinnen die "finsteren Täler" (Vers 4) an Bedeutung. Je weniger wir aber selbst das Licht sehen, desto wichtiger wird das unmittelbare Erlebnis der Zuwendung Gottes: "Ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir." Auf das Entscheidungsproblem übertragen bedeutet das meines Erachtens: Je weniger wir die Fragen verstandesmäßig beantworten können, desto mehr sind wir darauf angewiesen, daß Gott unmittelbar zu uns spricht. Dabei gilt es natürlich festzuhalten, daß sich dieses Reden niemals erzwingen, immer nur erwarten läßt.
Aber hier kommen wir nun zum vierten Schritt: Warum sollte prophetische Rede kein Mittel sein, um uns den Willen Gottes zu offenbaren? Die Vorsicht, die hier geboten ist, muß meiner Meinung nach genauso auf die Punkte 1-3 angewandt werden.
Die Frage: Wie gehen wir mit dem um, was uns von Gott anvertraut ist? stellt sich doch in jedem Bereich unseres Lebens.
Sicher ist prophetische Rede ein ganz besonders sensibler Bereich, in dem sehr viel Mißbrauch getrieben wird. Das sollte uns aber nicht aus dem Blick vertreiben, daß Gott gerade auch durch dieses Instrument zu Menschen sprechen kann - jedenfalls können wir das nicht leugnen, ohne Paulus' Ausführungen in 1. Korinther 14, 1 ff. zu vernachlässigen.
Wir sollen alles prüfen, das gilt für Prophetien genauso wie für jede Predigt.
"Es gibt keine Propheten mehr, die bindend Autorität haben" - dem kann ich uneingeschränkt zustimmen in dem Sinne, daß sich jedes prophetische Wort an der geoffenbarten Schrift messen lassen muß und also falsche Prophetie ist, wenn sie der Bibel widerspricht. Die Aussage ist mir aber zu kategorisch, wenn damit verneint werden soll, daß Gott Menschen befähigt, anderen Menschen konkrete Dinge in seinem Auftrag mitzuteilen.
Ich bin davon überzeugt, daß wir das nicht leugnen können, ohne 1. Korinther 12, 10 für nicht mehr oder nicht mehr uneingeschränkt anwendbar zu erklären - womit wir den Vorwurf gegen jene, die an der göttlichen Autorität der Bibel zweifeln, gegen uns selbst gekehrt sähen...
Prophetie ist meines Erachtens keine Frage von "charismatisch" oder nicht. Die Gaben des Heiligen Geistes sind potentiell in jeder Gemeinde anzutreffen, die Jesus Christus in den Mittelpunkt stellt. Menschen, die von Gott einen prophetischen Auftrag bekommen haben, werden mit ihrer Gabe zurückhaltend umgehen - ihr Reden wird niemals darauf abzielen, andere zu manipulieren; sie werden demütig und bescheiden auftreten und keinen Anspruch darauf erheben, Recht zu haben.
Eine unbiblische Handhabung der prophetischen Gabe entwickelt eine zerstörerische Kraft für den einzelnen und die Gemeinde, schlimmer als andere Phänomene. Aber wo sie unter der Herrschaft Jesu Christi als des Herrn der Gemeinde steht (und das sollten ja alle Bereiche des geistlichen Lebens!) , kann sie denen eine sehr wertvolle Hilfe sein, die konkrete Wegweisung von Gott erbitten.

2 Kommentare:

Michael hat gesagt…

Die Textstelle in Petrus (2. Petrus 1.10) ist nach meinem Dafürhalten in diesem Kontext deplatziert. Berufung ist in diesem Fall nicht eine konkrete Berufung Gottes im Sinne der Offenbarung, resp. Erfüllung eines bestimmten Lebensplanes. Die hier angesprochene Berufung ist die effektive und souveräne Berufung Gottes mit der Er Sünder zu Seiner Ehre, für Seine Zwecke ruft und somit erlöst – Berufung ist also in diesem Fall eher mit Erwählung (zum Heil) in Verbindung zu bringen. D.h., diejenigen, die Gott berufen hat, die sind auch erwählt (Röm 1,7; 8,30; 1 Kor 1,9).

Wie erkennen wir unsere (praktische, auf den Lebensweg bezogene) Berufung? Zu dem bisher Genannten (Rüger’s Dreiklang: Leitung durch die Schrift als oberste Richtlinie, Prüfung durch geheiligten und gesunden Menschenverstand), erlaube ich mir folgendes hinzuzufügen:

a) Losen. Mittels eines kleinen Steins wurde unter den Israeliten ein Losverfahren angewandt, um Willen Gottes für konkrete Situationen zu erfahren. Hierbei handelte es sich um Landesaufteilungen unter den Stämmen, Erwählung zum Königtum und Priester-/Tempeldienst, sowie Opferung von bestimmten Tieren (z.B. Num 26,55; 34,13; Jos 7,14, 18; 1 Sam. 10,20, 21; 1 Chr. 24,3, 5, 19; Lev. 16,8). Im Neuen Testament wird Matthias als “Ersatzapostel” durch Losverfahren gewählt (Apg 1,24–26). Unter den genannten Beispielen finden sich einige, die immense Bedeutung besitzen und wer hätte vermutet, dass all dies durch Losverfahren bestimmt wurde? Ich bin unschlüssig hinsichtlich der Frage, ob „losen“ ein für die heutige Gemeinde akzeptables Mittel ist, den Willen des Herrn zu erfragen. Wie wollen wir das bewerten?

b) Gebet und Fasten. Eine Zeit des Fastens und Betens befreit uns vom Dunst des Alltäglichen. Wir erhalten einen, zumindest aus meiner Erfahrung, klareren Blick auf die Dinge und für das Wesentliche. In der Kirchengeschichte ging bei vielen Heiligen eine Fastenzeit der richtigen Entscheidung voraus. Dies ist daher sehr empfehlenswert.

c) Die Bitte um das Übernatürliche. Gideon ist in der „Hall of Fame“ (Rüger) des Hebräerbriefes erwähnt. Ein Held des Glaubens, der im Glauben so schwächelte, dass Gott ihm (mehrmals) auf übernatürliche Weise die richtige Handlungsalternative praktisch vor die Türe legte (Ri 6,36-40). Es ist nicht auszuschließen, dass Gott nach wie vor auf diese Weise wirkt. Hinsichtlich „Propheten“ bin ich leicht skeptisch. Wir tangieren hier die facettenreiche Debatte darüber, welche Gaben/Dienste fortbestehen, und welche nicht (Cessationist view vs. non-cessationist position). Dies wäre ein weiteres Hauptthema für eine tiefere Diskussion.

Mein Fazit: Gott ist kein geistliches GPS-System. Oft wissen wir nicht wohin die Reise geht (wobei das Ziel feststeht). Hätten wir die fertige Karte in der Hand: wozu Hoffnung, wozu noch glauben, wo bleibt die Spannung? Fakt ist, dass Gott Seine Kinder an der Hand nimmt, sie als der gute Hirte führt, auch durch Täler und da greift Seine Hand besonders fest (so fest, dass die Kindeshand leicht taub ist und das Kind denkt, die Gotteshand sei weggezogen). Jeder Weg den das Kind beschreitet wird so geleitet, dass es am Ende der beste ist (Röm 8,28) – nur wird das vollständige Bild erst im eschaton geoffenbart. Und dann wird das Kind den Vater preisen. Hallelujah!

David hat gesagt…

Danke, Michael! Der Satz "Gott ist kein geistliches GPS-System" trifft es sehr gut, dazu spreche ich Amen.

Nochmals im einzelnen:
Der Einwand gegen 2. Petrus 1,10 leuchtet mir ein; mir ging dieser Dualismus zwischen abstrakter Berufung (Erwählung) und konkreter Berufung (Lebensplan) in diesem Zusammenhang auch schon durch den Kopf, Michaels Kommentar bestätigt das.

Ein Gedanke zu Punkt a) und der Frage "Wie wollen wir das bewerten?": Ich frage mich auch, ob man die alttestamentliche Praxis "unbesehen" übernehmen kann. Manche vertreten meines Wissens die Ansicht, die Zeit des Neuen Testamentes und damit die Zeit des Geistes als "Vertreter Jesu" (vgl. etwa Joh. 16, 13) habe das Losverfahren abgelöst. Das halte ich für nicht ganz unplausibel, wenngleich das Beispiel Matthias dem widerspricht (allerdings ist Matthias meines Wissens das einzige Beispiel im Neuen Testament, oder täusche ich mich? Und dieses Beispiel scheint nicht zu denen mit "immenser Bedeutung" zu gehören - Matthias spielt als Apostel kaum eine Rolle; sollte man daraus womöglich einen Schluß ziehen können?). Ich kenne sehr glaubwürdige Christen, die in bestimmten Einzelfällen dieses Verfahren praktizieren und damit gute geistliche Erfahrungen gemacht haben. Entscheidend ist nach meinem Dafürhalten: Im Zentrum steht das Gebet, und daraus erwächst die Motivation, nicht das Los selbst als "Medium" zu befragen, sondern es lediglich als ein Hilfsmittel einzusetzen, um den Willen Gottes möglichst intensiv zu suchen.

Und noch zu Punkt c): Ich habe kürzlich eine etwas neue Sicht auf Gideons Vlies bekommen, daß nämlich das mehrmalige Auslegen des Vlieses ein Moment des Zweifels in sich birgt und daher nicht der Idealfall einer Entscheidung des Glaubens ist. Das gilt übrigens auch für das Losverfahren: Man muß sich dort eben ganz besonders davor hüten, das gewünschte Ergebnis herbeizulosen.

Zum Fortbestand von Gaben und Diensten: Mir ist klar, daß das eine schwierige Frage ist, und ich würde mich da gern einmal aus berufenem Munde, also aus theologischer Perspektive belehren lassen. Insbesondere würde mich interessieren, wie die Cessationist view das Aufhören bestimmter Dienste biblisch begründet und woher sie die Entscheidungskriterien dafür gewinnt, welche Gaben fortbestehen und welche nicht. Es ist auch klar, daß etwa das Apostelamt seine spezifische raum- und zeitgebundene Bedeutung hat. Aber es erscheint mir ungeheuer schwierig, im einzelnen über Fortbestand und Aufhören einer Gabe/eines Dienstes zu urteilen - denken wir nur daran, daß in 1. Kor. 12, 28 die Gabe der Krankenheilung in einem Atemzug mit der Gabe des Dienens genannt wird...

Des weiteren erscheint mir die Trennung in natürliche und übernatürliche Erkenntnishilfen etwas zu schematisch. Genauso wie jede Wiedergeburt eines Menschen ein übernatürliches Geschehen ist (C.S. Lewis würde sagen: die übernatürliche Verwandelung von 'bios' in 'zoé') und sich doch oft in sehr natürlichen Formen vollzieht, so ist das Reden Gottes für mich immer ein übernatürliches Geschehen, selbst wenn es dadurch stattfindet, daß unser Verstand beim Lesen der Schrift neue Erkenntisse gewinnt.
Biblische Prophetie hat deshalb nach meinem Verständnis eine ähnliche Funktion wie etwa die biblische Predigt: Sie macht dem einzelnen das Wort Gottes in einer bestimmten Lebenssituation lebendig. Demgemäß kann sie sich durchaus darin erschöpfen, daß ein Mensch einem anderen im Auftrag des Heiligen Geistes eine bestimmte Bibelstelle nennt, die für die "Zielperson" in einem Moment ihres Lebens eine enorme Bedeutung gewinnt.

Insgesamt geht meine These dahin, daß die vier von Principal Macleod genannten Erkenntnishilfen nicht nur einander ergänzen, sondern oft nicht einmal voneinander zu trennen sind. Jede einzelne und alle zusammen können bei richtigem Gebrauch großen Segen wirken, bei Mißbrauch aber auch großen Schaden anrichten.

Nehmen wir als ein Beispiel die Herrnhuter Losungen, die der Gemeinde in Deutschland und in anderen Ländern seit über 270 Jahren eine wichtige Studienhilfe für das Wort Gottes sind. Jede einzelne Tageslosung wird in einem Losverfahren (!) ermittelt, wobei es sich nicht um eine Tombola mit Selbstbedienung handelt, sondern bestimmte Brüder ziehen unter Gebet ein Los, das wird meines Wissens bis heute sehr ernst genommen.
Das Ergebnis läßt sich nun zum Beispiel unter Punkt 1: Leitung durch die Heilige Schrift einordnen. Gleichzeitig ist die Beantwortung der Frage: Was sagt mir dieses Wort? unter Umständen ein Akt "geheiligten Verstehens". Und schließlich ist es eine häufige Erfahrung, daß dasselbe Losungswort, was dem einen heute nichts zu sagen hat, beim anderen einschlägt wie der Blitz - weil der Heilige Geist einer bestimmten Person an diesem Tag mit diesem Wort eine bestimmte Sache unmißverständlich klar macht, und diese Person weiß es dann auch. Das nenne ich dann übernatürlich.
Die Kehrseite: Man kann selbst mit einem so einfachen Instrument wie den Herrnhuter Losungen Mißbrauch treiben, indem man sie als geistliches Orakel zu verwenden sucht.

Mein Fazit: "Dies alles wirkt ein und derselbe Geist und teilt jedem besonders aus, wie er will" (1 Kor 12, 11) - wenn wir ihn lassen.