Über die kommenden Wochen/evtl. Monate hinweg würde ich gerne eine Reihe über die Postmoderne starten. Als dem Zeitgeist unterworfene Christen ist es vonnöten dass wir um unser Beeinflußtsein durch die postmoderne Kultur wissen und dementsprechend reagieren können. Implikationen sind breit gefächert insofern jede epochale Kulturströmung den ganzen Christen betrifft: Persönliche Andacht, Beruf, Familie, Gemeinde, Theologie. In den letzten Jahren entstand die Bewegung der emergent/emerging Gemeinden (v.a. Großbritannien, USA), die aktiv dem postmodernen Menschen begegnen. Hier gibt es viel zu lernen, zu überprüfen, Gutes zu übernehmen, Negatives zu hinterfragen.
Mein Vorschlag ist, dass wir zunächst die Entwicklung hin zur Postmoderne betrachten und anschließend verschiedene Merkmale analysieren – parallel dazu immer geistlich und praktisch-christlich bewertend.
Was ist die Postmoderne? Die Herausbildung einer postmodernen Gesellschaft.
Mit der Aufklärung streifte der Mensch die Religiosität des Mittelalters ab. Er strebte nach Freiheit; Freiheit von der überlieferten Tradition, Freiheit von Gott und von Autorität. Es wurde dafür plädiert, vom Menschen ausgehend Bedeutung zu konstruieren. “The place God had occupied was now occupied by the human being”, kommentiert Wells (S.31) in seiner sehr empfehlenswerten Bestandsaufnahme zur Postmoderne aus christlicher Sicht (Wells, D. F., 2005, Above all earthly pow'rs - Christ in a postmodern world. Grand Rapids, Michigan: William B. Eerdmans Publishing Company). Jedoch, entgegen dem aufklärerischen Gedanken hin zu einer Optimierung des Menschen erlebte die Menschheit im 20. Jahrhundert mehr Blutvergießen als jemals zuvor. Durch die Weltkriege fiel die Aufklärung in sich zusammen, sie hatte zuviel versprochen.
Philosophen diskutieren, ob wir uns nun in der Moderne befinden, oder in der Postmoderne, bzw. ob ein Konzept der Postmoderne gar seine Berechtigung hat. Fakt ist, dass wir uns in einer post-aufklärerischen Phase befinden. Ob die Postmoderne nur eine Form der Moderne oder eine eigenständige Entität bildet wird man sicher erst im Nachhinein dokumentieren können. Für unsere Zwecke etikettieren wir den kulturellen status quo als postmodern. Der Begriff “postmodern” als solcher wurde zunächst in der Architektur gebildet (1970er) und als Zeitgeist-beschreibendes Konzept von Lyotard eingeführt (The Postmodern Condition).
Kurz gefasst ist das Credo der Postmoderne: Es gibt keine absolute Wahrheit. Alles ist relativ (vgl. Einstein’s Relativitätstheorie). Der Mensch konstruiert existentialistisch sein Selbst, seine Umwelt, seine Wahrheit und Realität.
Die folgenden Beiträge werden wie angekündigt, spezifische Merkmale der Postmoderne herausstellen und zur Diskussion anregen, sofern Interesse zur Vertiefung besteht.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
2 Kommentare:
1. Zum Begriff der Postmoderne: Ich gestehe, daß mir der Begriff bisher nicht sehr hilfreich erschien, weil er meines Erachtens zu wenig konturiert ist. Rein sprachlich beschränkt sich die Aussagekraft von 'Postmoderne' darauf, daß es eine Phase gibt, die von der Moderne in gewisser Weise unterschieden ist, wobei sie gleichzeitig eine Fortführung derselben ist. Die Frage wäre dann: Wo ungefähr ist die (zeitliche oder sachliche) Zäsur zwischen Moderne und Postmoderne anzusetzen? Wenn ich es recht verstehe, kann die Postmoderne nicht vor 1968 beginnen. Möglicherweise beginnt sie mit der öffentlichen Wirksamkeit des Gedankengutes von Sartre, Camus, Habermaas usw.
Aber sicher hat Michael recht, wenn er mit der Postmoderne ein Zeitalter des Relativismus bezeichnet, und so ist der Begriff wohl am besten zu fassen.
2. Wenn wir Postmoderne als post-aufklärerisches Zeitalter betrachten, wird damit deutlich, daß es hier einen Unterschied zur Moderne hinsichtlich der Wirkweise des aufklärerischen Gedankengutes gibt.
Ich würde ihn wie folgt beschreiben: Die Entwicklung vom Subjektivismus der Aufklärung zum Relativismus der Postmoderne verläuft nicht ohne Bruch.
Zwar ist es richtig, daß die Aufklärung Gott aus dem Zentrum des menschlichen Lebens verdrängt hat und ihm einen Platz in den Randbereichen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens zugewiesen hat - darin liegt meines Erachtens ihr eigentlicher antichristlicher Gehalt. Die Aufklärung setzt an die Stelle Gottes aber keinen wertfreien Relativismus, sondern sie behauptet entschieden, daß sich allein aus der menschlichen Vernunft die Maßstäbe guten sittlichen Verhaltens in abstracto (Ethik) und richtigen Handelns in concreto (Moral) gewinnen lassen. Kants Aufruf "sapere aude" - Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen -, der zum Schlagwort der Aufklärung schlechthin geworden ist, ist kein Aufruf zur Beliebigkeit, sondern steht im Zusammenhang mit der Überzeugung, daß der richtige Gebrauch der menschlichen Vernunft bei allen Menschen zur gemeinsamen Einsicht in das Richtige und Gute führt.
Wie Michael bereits erwähnt, ist die Aufklärung mit diesem einseitigen Vernunftkult an der Wirklichkeit gescheitert. Es sollte aber beachtet werden, daß die Aufklärung im Großen und Ganzen an dem Postulat universaler Werte festhält, ja diese sogar mit großem Sendungsbewußtsein verkündet (denken wir nur an 'Nathan der Weise'!).
Diese Überzeugung von der Existenz des an und für sich Richtigen geht in der Postmoderne verloren. Die einzige verbleibende Wahrheit ist die, daß es keine gibt. Gleichzeitig wird in der Postmoderne die begründene Kraft der Vernunft zurückgedrängt, und an ihre Stelle treten noch weniger durchschaubare Faktoren. So beruht etwa das gesamte freiheitlich-neuzeitliche Strafrecht auf der Annahme, daß der Mensch frei und deshalb für seine Taten verantwortlich sei; dagegen versuchen die Neurowissenschaften in den letzten Jahren zunehmend, die Willensfreiheit des Menschen zu bestreiten, was nichts anderes bedeutet, als seine persönliche Verantwortlichkeit zu leugnen. Daß damit jedem gesellschaftlichen Minimalkonsens (moralisch, rechtlich, politisch) die Grundlage entzogen wird, liegt auf der Hand.
Neben der Abschaffung des objektiv Richtigen und der persönlichen Verantwortlichkeit scheint mir für das Zeitalter des Relativismus im schroffen Gegensatz zur Aufklärung ein weiteres kennzeichnend zu werden: Die Wiederentdeckung des Pseudo-Religiösen. An die Stelle des Vernunftkultes ist eine längst totgeglaubte Sehnsucht nach dem Transzendenten getreten, deren mannigfaltige Auswirkungen sattsam bekannt sind (Esoterik, Aberglaube, neue Naturreligionen etc.).
Mein Fazit: Die Aufklärung hat mit der "Substitution Gottes durch den Menschen" eine Entwicklung angestoßen, die in der Postmoderne fortwirkt. Gleichwohl hat der postmoderne Relativismus mit aufklärerischen Idealen wie der Verantwortlichkeit des freien, nur vernunftbestimmten Individuums gebrochen und fällt insoweit auf einen vor-aufklärerischen Status quo ante zurück.
In der Tat ist Rueger zuzustimmen. Die „Wiederentdeckung des Pseudo-Religioesen“ ist ein wichtiges Thema und wird in dieser Reihe debattiert werden. Weiterhin schreibt Rueger sehr praegnant: „Diese Ueberzeugung von der Existenz des an und fuer sich Richtigen geht in der Postmoderne verloren.“ Dies ist insofern treffend als eine subjektive „Ueberzeugung“ des Richtigen nichts am Richtigen aendert. Es ist daher allein die Ueberzeugung ueber, das Wissen um Moral das sich in der PM veraendert, nicht die Moral als solche. Moralische Werte werden in der PM naemlich nur angeblich ueber Bord gespuelt. Ich sage “angeblich”, denn implizit sind moralische Werte dem Menschen nach wie vor innewohnend. Die PM verbietet dem pm Menschen jedoch eine Aeusserung, ja Bewusstmachung dieser Werte – sei es aufgrund eines falschen Toleranzverstaendnisses oder schlicht Unwissen. Wie ich in dieser Reihe zu zeigen versuche, ist eine wahre Moral auch in der PM Mensch-immanent. Jedoch wird sie nicht mehr gelehrt und vertreten (Abwendung vom Christentum).
Kommentar veröffentlichen