14.11.06

4. Das neue Selbst und dessen Krise

David ist beizupflichten. Sein Hinweis auf das Korrelat „Ablehnung von Autoritäten x Identitätskrise“ trifft einen wunden Punkt des pm Menschen. Hier sollten wir nachhaken.

Die Ablehnung jedweder Autorität führt notwendigerweise zu einer Krise des Selbst. Wer keine Maßstäbe anerkennt wird maßlos. Wer sich die Richtung nicht sagen lässt, verirrt sich. Wer die Straßenkarte verachtet, kann im Nirgendwo landen.

Es ist bezeichnet für die PM dass Personen idiosynkratisch ihr Selbst bilden. Anders als vor 50-100 Jahren wird das Selbst heute weniger von Autoritäten oder Vorbildern geprägt – es will sich nicht mehr prägen lassen, sondern sich vielmehr selbst prägen. Das Selbst wird internal statt external generiert. Der pm Mensch konzentriert sich auf sich selbst, er blickt nach innen und hofft auf die innere Erleuchtung. Das pm Selbst ist nicht mehr in Gott verwurzelt, es fließt „away from what is eternal, unchanging, and enduring, and into what is shifting, faddish, fleeting, and ephemeral.“ (Wells, S.43).

Diese internale Generierung findet kontinuierlich statt. Dies ist ein weiteres wichtiges Charakteristikum der PM. Man könnte Madonna als das Paradebeispiel eines ständig Image-wechselnden pm Individuums betrachten: von obszön-lasziv über blasphemisch hin zu jüdisch. Wells bemerkt korrekt: “The modern self, as a result, has grown very thin, insubstantial, and distracted. It lives in a world of fleeting experiences and constantly shifting images, images which we create and by which we sometimes even pass ourselves off as something we are not.” (Wells, S.45).

Das pm Selbst glaubt, an was es will. Verschwunden sind die Metanarrativen der Aufklärung – es bleiben privatized worldviews (Wells, S.74). Jeder schreibt seine eigene petite histoire und tut alles „My way“ (Frank Sinatra). Zu bereuen gibt es nichts, da keine allgemeingültige Moral vorausgesetzt wird. Glaube, an was auch immer, ist Privatangelegenheit.

Das Selbst des pm Menschen – und das gilt auch für den Menschen als Abkömmling Adams zeitübergreifend – ist aufgebläht. Wir sind egoistisch, egozentrisch und besitzen ein irrational positives Bild von uns selbst.

Leider sind wir uns darüber in der Regel nicht bewusst. Dies belegen klassisch therapeutische Predigten über das Gebot: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" (Mk 12.31). Der Tenor einer pm therapeutischen Predigt heißt dann: „Du musst erst lernen, dich selbst zu lieben, bevor du deinen Nächsten lieben kannst.“ Der Gottesdienstbesucher wird ermuntert sich selbst lieben zu lernen und dann „befreit“ zu sein, den Nächsten ebenso zu lieben. Zugegeben, manche Personen, die unter psychischen Krankheiten leiden, schätzen sich selbst oft sehr negativ ein (man beachte: oft sind Äußerungen über den eigenen depressiven Zustand aber auch Formen von Selbstliebe, da das Selbst in den Mittelpunkt gestellt wird und ständige Zuwendung durch Freunde/Therapeuten etc. fordert; Stichwort sekundärer Krankheitsgewinn). Aber für das gros der Bevölkerung gilt genau das Gegenteil: Wir lieben uns viel zu sehr. Uns zu predigen, wir sollten lernen uns selbst zu lieben hieße Eulen nach Athen zu tragen. Selbstüberschätzung ist das Kernproblem des Menschen, nicht -unterschätzung, wie allzu oft suggeriert. Erkenntnisse aus der Psychologie belegen das deutlich.

In der Psychologie beschreiben sog. Konsistenztheorien, dass Informationen dann als selbstbezogen enkodiert und zutreffend akzeptiert werden, wenn sie mit bereits gespeicherten selbstbezogenen Informationen übereinstimmen. D.h., wir lassen nur diejenigen Informationen an uns ran, die mit unserem Selbstbild übereinstimmen. Carl Rogers (1951) war der Auffassung, dass ein primäres Motiv des Menschen darin besteht, die Selbstwerteinschätzung zu erhöhen. Maslow (1954) beschritt einen ähnlichen Weg mit seinem Konzept der "self-actualisation". Psychologen konnten weiter zeigen, dass Individuen eine erhöhte Sensibilität für selbstrelevante Stimuli zeigen. Reize, die mit dem bestehenden Selbstkonzept übereinstimmen werden außerdem effizienter verarbeitet ("self-enhancement theory"). Darüber hinaus bewirken selbstrelevante Stimuli eine erhöhte Abruf- und Erinnerungswahrscheinlichkeit und schließlich widerstehen Individuen inkongruenter Information bzgl. ihrer Selbststruktur (Markus, 1977). Diese Vorgänge sind uns nicht immer bewusst, sie laufen implizit ab. Es ist doch faszinierend, dass die säkulare psychologische Forschung so detailliert aufzeigt, wie sehr das menschliche Selbst von Sünde durchdrungen ist. Der Mensch kann nicht anders (Hinweis auf Erbsünde?) als Informationen stereotyp selbstwertfördernd einzuordnen. Wir lieben uns zu sehr, sehen uns in einem zu guten Licht und sind durchdrungen von positiven Selbst-Illusionen (vgl. "positive self-illusions", Taylor & Brown, 1988).

Wie ist das pm Selbst aus christlicher Sicht zu bewerten?

Der Prophet Jeremia beschreibt das sündige Verhalten des pm Menschen:

"Denn zweifach Böses hat mein Volk begangen: Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten." (Jer 2,13).
Gott, als die einzige Quelle, die Sinn, Freude, Frieden und Leben in Fülle geben kann, wurde vom pm Menschen verlassen. Stattdessen hat er sich mit seinem Selbst eine rissige Zisterne gebaut. Dieses Zisternen-Selbst ist ausgehöhlt und durchlöchert, es kann kein lebensspendendes Wasser halten. Die Löcher der rissigen Zisterne „Selbst“ werden nur dann gestopft wenn Christus als Quelle hineinströmt. Dann ist nicht mehr das Selbst dominierend, sondern Christus, wie Paulus schreibt: "Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe; ich bin mit Christus gekreuzigt, 20 und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir;[…]" (Gal 2.19-20a). Das Christen-Selbst sieht von sich weg auf Christus (und auf den Nächsten!). Der Christ hängt als Rebe an Christus, dem lebenswichtigen Weinstock ohne den er nichts tun kann (vgl. Joh 15,5). Das Selbst des Christen geht auf in der Dreieinigkeit Gottes: "An jenem Tag werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch." (Joh 14.20, vgl. auch Joh 17.21). Das ist Leben. Leben in der Gemeinschaft des dreieinen Gottes. Dazu wurden wir Menschen geschaffen. Das dürfen wir schon jetzt, aber erst recht in der Ewigkeit genießen. Geben wir uns nicht mit unserem Selbst zufrieden, das schal und leer ist – strecken wir uns aus nach der Quelle, dem vor Reichtum überfließenden, überaus schönen, umwerfend großen, barmherzigen, gnädigen, allein befriedigenden, allein sättigenden Gott.

1 Kommentar:

David hat gesagt…

Ohne Michaels Ausführungen abschwächen zu wollen, möchte ich Ihnen einen Aspekt hinzufügen.
Wir dürfen uns meines Erachtens nicht darauf beschränken, die internale Generierung des menschlichen Selbst als etwas Verwerfliches zu kritisieren.
Ich stimme Michael darin zu, daß das ständige Sich-Neu-Erfinden bei sehr vielen Menschen ein Symptom der Selbstverliebtheit ist: "I am what I am and that needs no excuses". Wir dürfen aber nicht den Blick dafür verlieren, daß sehr viele massiv unter dem Druck leiden, sich selbst erfinden zu müssen. Für viele Menschen ist das kein Auswuchs eines hedonistischen Lebenskonzeptes, sondern ein ängstliches Ringen um Anerkennung.

In meinem letzten Beitrag zur Ablehnung von Autoritäten bin ich weniger auf die Kehrseite des Problems eingegangen: daß es immer weniger Persönlichkeiten gibt, die sich als Autoritäten eignen. Wir sollten das im Kopf behalten, wenn wir den wichtigen und richtigen Gedanken von Michael bewegen, daß immer mehr Menschen nicht von Vorbildern geprägt werden wollen, sondern sich selbst zu prägen versuchen.

Der postmoderne Mensch leidet unter dem Zwang, sich selbst in Beruf, Gesellschaft und Privatleben möglichst originell, innovativ, kreativ präsentieren zu müssen, einen spannenden Lebenslauf "produzieren" zu müssen etc.

Den mit diesen gesellschaftlichen Erwartungen Belandenen gilt die Einladung Jesu, zu Gott zu kommen und dort bedingungslose Annahme zu erfahren. Unsere Aufgabe ist es, diese Einladung als Botschafter (2Kor5,21) immer neu zu überbringen.